Mischtechnik mit Weihwasser

s:37:"Kreuzwegzyklus von Christian Everding";
Kreuzwegzyklus von Christian Everding
Wie der Maler Christoph Everding einen persönlichen Kreuzweg erschuf
Geltendorf (epd).

Die erste Kreuzigung malte Christoph Everding im Alter von zwölf Jahren. Das Blut floss in Strömen vom Berg Golgatha, und was sein Vater August, Intendant der Bayerischen Staatstheaters, sich damals wahrscheinlich dachte, bringt der Sohn in der Rückschau auf den Punkt: „Totaler Kitsch.“

Frei von Kitsch ist Everdings aktuelle Ausstellung in der Galerie von Kloster St. Ottilien, auch wenn das Thema dasselbe ist. In 14 Gemälden hat der Grafikdesigner, Maler und Kunstdozent mit Fotografie und Tinte einen Kreuzweg geschaffen, der den Besuchern einen Zugang zur Passion vermitteln will.

Begonnen hatte der 55-Jährige die Arbeit an seinem „KRZWG“ schon vor fünf Jahren in einer Phase der persönlichen Neuorientierung. Seine frühe christliche Prägung - regelmäßiger Kirchgang mit den Eltern und Besuch einer Klosterschule - habe ihm Kraft und Energie für den Neuanfang gespendet, sagt der Künstler. Mit seinem Kreuzweg wolle er die Betrachter einladen, „beim Gang mit Jesus auf dem Schmerzensweg eigene Fragen und Anliegen mit aufs Kreuz zu laden“.

Ein Making-of-Video, das in der Ausstellung zu sehen ist, zeigt den Schöpfungsprozess der Arbeiten. Was über die Kreuzigung steht wo in welchem Evangelium, und wie ist der genaue Wortlaut? Wie stirbt man am Kreuz? Antworten auf diese Fragen finden sich im Neuen Testament - oder bei der von Everding so genannten „Folterrecherche“. Um die medizinische Antwort vorwegzunehmen: Die Lunge kollabiert, und der Delinquent erstickt, was bis zu drei Tage dauern kann. „Bei Jesus ging es wohl schneller, weil er durch Geißelung und Blutverlust geschwächt war“, sagt der Künstler.

Mit einer „Imitatio Christi“ versuchte Everding, das Gefühl der Erniedrigung und körperlichen Grenzerfahrung nachzuvollziehen. Anders als beim Querbalken eines antiken Marterinstruments, dessen Gewicht Historiker auf 30 bis 40 Kilo schätzen, wog sein Holz aber nur vier Kilo. „Und selbst unter denen ächzt man schon nach kurzer Zeit“, erinnert sich Everding. In einen weißen Leibrock gehüllt, mit einer Bierbank auf den Schultern, machten er und seine Ehefrau Fotos. Diese Aufnahmen dienten als Vorlage für die Gemälde.

Erst danach begann die Ausführung der Kreuzwegstationen in einer „Mischung aus Druckgrafik und alte Meister“. Auf Graupapier legte Everding mit Acryl die hellen Stellen fest, dann wurde der gesamte Karton mit schwarzer Tinte getränkt, die anschließend mit Schwämmen wieder abgenommen wurde. Bunte Tinte, geritzte Struktur und bis zu 40 Schichten Lasur vollendeten jedes Gemälde. Die pingelige Technik brauchte rund 40 Stunden Arbeitszeit pro Bild, bei einem Format von 50 bis 70 Zentimetern.

Dass beim Nässen der Rückseiten auch Weihwasser aus der katholischen Kirche Sankt Josef in Schwabing zum Einsatz kam, ist eine schöne Anekdote. Seit seiner Rückkehr in den Schoß der Kirche ist Everding in dieser Gemeinde zu Hause und ehrenamtlich aktiv, für ihn gab es deshalb keine Alternative zum geweihten Nass: „Das musste sein.“

So interessant ihm zunächst die Idee erschien, den Kreuzweg aus der Perspektive Jesu zu zeigen, entschied sich Everding doch für den Blick von außen. Gäste der Ausstellung begegnen einem geifernden Hohepriester Kaiphas und einer schreckerfüllten Maria. Wenn Jesus zum ersten, zweiten und dritten Mal fällt, ändern sich die Diagonalen im Bild, bis er schutzlos auf dem Boden liegt. Nur bei der Kreuzigung kann man ihm ins Gesicht schauen. Die Grablegung verweist bei Christoph Everdings „KRZWG“ schon auf die Auferstehung - der strahlende Horizont über dem Leichentuch vermag den Betrachtern auch in aktuell dunklen Zeiten Trost zu spenden. (00/1379/11.04.2022)

Von Ute Lohse