Minutengenau ohne Ticktack

Sonnenuhrenexperte Helmut Cerdini
Sonnenuhrenexperte Helmut Cerdini kommt ins Schwärmen, wenn er Besuchergruppen durch die kleine mittelalterliche Stadt Röttingen von Sonnenuhr zu Sonnenuhr führt.
Der Sonnenuhrenweg in Röttingen im Taubertal ist einen Abstecher wert
Röttingen (epd)

Auf den ersten Blick denkt man an ein Kunstwerk. Eine stilisierte Harfe vielleicht? Oder eine Art Zange? Helmut Cerdini schmunzelt in sich hinein. Wenn er nämlich an diesem Objekt eine seiner Führungen beginnt, staunen die Zuhörer nicht schlecht. Denn die "Harfenzange" ist nichts von dem, sondern eine Sonnenuhr. Nur eben keine mit flachem Ziffernblatt und Zeitstab, sondern komplexer. Sie ist eine von 30 Exponaten auf dem Sonnenuhrenweg im unterfränkischen Röttingen.

Entwickelt und gebaut hat die 30 Sonnenuhren der inzwischen verstorbene Schlossermeister Kurt Fuchslocher aus dem benachbarten württembergischen Kurstädtchen Bad Mergentheim. Bis zur Pensionierung mit knapp 50 Jahren arbeitete er als Kompenseur - er wartete und entmagnetisierte die Kompasse in den Bundeswehr-Helikoptern am Heeresflugplatz Niederstetten. In seiner freien Zeit bastelte er Sonnenuhren. Seine Frau sagte mal, sie sei mit einer Sonnenuhr verheiratet.

Sonnenuhren gibt es seit Menschengedenken. Schon die Maya, die alten Ägypter, die Chinesen oder die Griechen haben mit Hilfe des Sonnenstandes den Tag vermessen. Während Sonnenuhren damals immer nur die jeweilige Ortszeit mehr oder weniger genau angezeigt haben, können die modernen Sonnenuhren viel mehr. Sie können bis auf fünf Minuten genau auch die seit dem Jahr 1892 künstlich festgelegten Stunden anzeigen, also etwa die Mitteleuropäische Normal- oder Sommerzeit.

Sonnenuhrenexperte Helmut Cerdini kommt richtig ins Schwärmen, wenn er Besuchergruppen durch die kleine mittelalterliche Stadt führt, von Sonnenuhr zu Sonnenuhr. "Zuerst erzähle ich ein bisschen was über die Geschichte und Funktionsweisen, dann ziehen wir los", sagt er. Sich alle 30 Exemplare anzusehen, das ist für eine Tour zu viel - er sucht sich immer ein paar Zeitanzeiger aus, zu denen er seine Gäste führt. Manche Lieblings-Uhren sind allerdings fast jedes Mal dabei, erzählt Cerdini.

Zum Beispiel die Sonnenuhr unterhalb der Burg Brattenstein, die wie ein kleiner Globus aussieht, bestückt mit kleinen runden Fliesen, umgeben von Metallbügeln mit vielen Strichen und Zahlen. "Das ist eine sogenannte äquatoriale Sonnenuhr", sagt Cerdini. Die Uhrzeit zeigt sie an, indem man einen doppelwandigen Schattenzeiger so einstellt, dass ein dünner Lichtspalt auf das Ziffernband fällt. Das Exemplar zeigt nicht nur die Zeit an, sondern auch, wo weltweit die Sonne auf oder untergeht.

Dass durch den veränderten Sonnenstand zu den verschiedenen Jahreszeiten die Sonnenuhren mal mehr oder weniger genau die Zeit anzeigen, das stimmt, sagt Cerdini bei seiner Führung durchs das malerische Städtchen und den naturnahen Stadtpark an der Tauber: "Aber dafür gibt es Hilfsmittel." Eine Tabelle mit dem "Jahreszeitausgleich", um den Unterschied zur künstlichen Uhrzeit abzuziehen oder dazuzuzählen - bis zu 16 Minuten plus im November und 16 Minuten minus im Februar

Dass Fuchslocher ein findiger Tüftler war, sieht jeder, der sich auf den Sonnenuhrenweg begibt. Die von ihm geschaffenen Zeitmesser bestehen aus alten Wagenrädern, aus Metallschrott oder Fliesen, kaum eine gleicht der anderen. Und an jeder hat er auch einen kleinen Spruch als Motto angebracht - oft berühmte Zitate zur Zeit oder Sonne. Wer sich auf die "Spur der Zeit" begibt, dem wird in Röttingen jedenfalls nicht langweilig. "Ich entdecke heute noch neue Details an den Uhren", sagt Cerdini

Von Daniel Staffen-Quandt (epd)