Blues in einer gefrorenen Zeit

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Der Muenchner Musiker Rusty Stone
Wie ein Münchner Musiker durch den Corona-Lockdown kommt
München (epd)

Seit März vergangenen Jahres weist die Website des Münchner Musikers Rusty Stone eine gewisse Regelmäßigkeit auf: "!!!Corona-Absage!!!" ist dort häufig zu lesen. Rusty Stone spielt gern und oft den Blues auf seiner Gitarre, jetzt aber sagt er: "Auf diesen Corona-Blues kann ich verzichten." Und ja, die abgesagten Auftritte gehen an die wirtschaftliche Existenz. Aber es gibt auch noch eine andere Seite des Lockdowns für Künstler: Der Kontakt mit dem Publikum ist für ihn fast lebenswichtig. "Ich nehme Medikamente, schlafe aber trotzdem sehr schlecht", sagt der Blues-Musiker.

Eine Erdgeschosswohnung im Münchner Westen, ein ruhiges Wohnviertel: Hier lebt Rusty Stone zusammen mit seinen Gitarren, die auf drei Zimmern verteilt sind. Im Flur hängen Plakate mit Musikergrößen wie Miles Davis, Johnny Cash und Stevie Ray Vaughan. Die Bücherregale sind voll mit Noten zu Songs und Literatur: Biografien, Geschichten von Erfolg und Niedergang auf den Bühnen. In den Zimmerecken steht das Equipment für die Auftritte: Verstärker, Mikrofonhalter, Kabel. Damit ist der Münchner Musiker seit vielen Jahren unterwegs zwischen Saarbrücken und Burghausen, zwischen Bremerhaven und Chur in der Schweiz. Entweder bei Solo-Auftritten oder zusammen mit seiner Band, im Trio touren sie dann mit einem roten VW-Bus durch die Lande.

Der letzte Auftritt von Rusty Stone war im November - online. Das Ganze lief live über den Youtube-Kanal der Volkshochschule Ismaning, einem Ort im Norden von München. Da stand er dann alleine mit seiner Gitarre, vor ihm die Leere des Saales, irgendwo hinten im Dunkeln die Kamera und der Kameramann. Zwei Stunden lang live in das Nichts hineinzuspielen, das sei "sehr, sehr ungewohnt" gewesen, sagt Rusty Stone. Denn: "Mit dieser Art von Musik hängt man vom Publikum ab." Man müsse die Gesichter sehen, die Augen, ob die Leute mitgehen, mitwippen, mitsingen. Seit 1984 erzählt Rusty Stone mit seinen eigenen Kompositionen "kleine Geschichten, die das Leben schreibt". CDs von ihm heißen "Struggle" (Kampf), "Rough Times" (Harte Zeiten) und "Farewell" (Lebewohl).

Der letzte Live-Auftritt mit Band vor im Saal anwesenden Publikum war im Februar 2020 im thüringischen Hildburghausen. Jetzt, im Januar 2021 sitzt Rusty Stone in seinem mit Gitarren vollgestellten Wohnzimmer und hält eine National-Resonator-Gitarre in den Händen. Sein Blick geht irgendwo in die Ferne. Beide Unterarme sind tätowiert, auf dem linken ist zu lesen: "Blues was my first love." Blues ist für ihn Lebenselixier, wie auch die Kontakte auf der Bühne. Dass er, dass Kunst nun nicht mehr "systemrelevant" sei, das macht ihn müde, zermürbt ihn. Der Lockdown als eingefrorene Zeit, in der nichts passiert. "Ich bin keine 35 Jahre mehr", sagt der Musiker, "mir läuft die Zeit davon."

Als Einnahmequelle bleibt der Gitarrenunterricht, was aber online schwierig bis unmöglich ist. Wegen der "Latenz", also der Zeitverschiebung im Millisekundenbereich, sei kein gemeinsames Spielen möglich. Gut, es gibt die finanziellen Corona-Hilfen. Sie helfen, diese Zeit zu überbrücken. Aber bis wann? "Ich glaube, das geht bis Ostern oder noch länger", sagt der Bluesmusiker.

Er legt die Resonator-Gitarre zurück und greift sich eine zwölfsaitige Taylor. Klar, dass er auch einen Corona-Song geschrieben hat, aber nichts Tieftrauriges, eher Optimistisches. So oszilliert die Stimmung zwischen dunklen Stunden und dem Aufkeimen von Humor. Dazwischen der soziale Überlebenskampf, um zwischen abgesagten Konzerten und der nächsten Mietzahlung über die Runden zu kommen.

Von Rudolf Stumberger (epd)