"Wir teilen den größten Teil der Bibel mit den Juden"

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Das Museum der Synagoge in Rom
Der Beauftragte für den christlich-jüdischen Dialog spricht über 1.700 Jahre Judentum, Umkehr und lobt Regisseur Stückl
Nürnberg/München (epd)

Der Umgang mit dem Judentum zeigt, wie demokratiefähig eine Gesellschaft ist. Davon ist der Beauftragte der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern, Axel Töllner, überzeugt. "Denn das Judentum ist das andere in unserer eigenen Tradition. Wenn wir mit diesen Unterschieden und dieser Verschiedenheit nicht klarkommen, dann kriegen wir mit Pluralität generell ein Problem", betonte der Theologe, der auch Geschäftsführer des Instituts für christlich-jüdische Studien und Beziehungen an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau ist, in einem Gespräch mit dem epd Evangelischen Pressedienst (epd).

Christen hätten im Verhältnis zu den Juden "eine tausendjährige Geschichte der Entfremdung, Feindseligkeiten, Stereotypen und Hass hinter sich", stellte Töllner fest. Die ließe sich nicht so einfach in 70 Jahren Dialog überwinden. "Es betrifft uns alle und wurzelt ganz, ganz tief".

Er denke, die Kirchen, vor allem die Spitzen der Kirchen, hätten in den letzten 70 Jahren die eigene Tradition und sich selbst geprüft und echte Umkehr betrieben. "Aber es braucht lange, bis sich das überall durchsetzt. Bestimmte Dinge, die wir von klein auf gelernt habe, setzen sich fest".

Wichtig sei vor allem die Begegnung, betonte Töllner. "Wir haben zwar eine relativ kleine jüdische Minderheit. Da ist es statistisch nicht sehr wahrscheinlich, dass ich jüdischen Menschen begegne". Aber auch wenn in der Nachbarschaft keine jüdischen Menschen lebten, "dem christlich-jüdischen Verhältnis kann ich nicht ausweichen". Die Christen würden sich zu Jesus Christus bekennen, der Jude war. "Wir teilen den größten Teil der Bibel mit dem Judentum. Wenn man sich das bewusstmacht, macht das den Glauben auch reicher".

Einen wichtigen Beitrag zu solcher Bewusstseinsbildung bescheinigte Töllner im epd-Gespräch dem Leiter der Oberammergauer Passionsspiele, Christian Stückl. Er habe versucht, Jesus und seine Jünger als Teil des damaligen Judentums zu zeigen und bereits bei seiner ersten Inszenierung angefangen, "den Leuten deutlich zu machen, was da an antijüdischen Stereotypen reproduziert wird". Denn die Passionsfrömmigkeit im Christentum sei durchzogen von antijüdischen Stereotypen. (00/1014/24.03.2021)

epd-Gespräch: Jutta Olschewski