Wie Seelsorge mit assistiertem Suizid umgehen kann
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Museum fuer Sepulkralkultur in Kassel (Symbolbild)
Nürnberg (epd).

Einen positiven Akzent in der Diskussion um assistierten Suizid haben am Mittwoch Referierende bei einem Seelsorgetag in Nürnberg gesetzt. Die Möglichkeit, assistierten Suizid in Anspruch zu nehmen, könne bei Betroffenen einen Effekt der Selbstwirksamkeit entfalten und ihnen das Gefühl geben, Kontrolle über ihr eigenes Leben und Sterben zu haben. „Begleitet zu werden und zu wissen, dass es einen Ausweg gibt, kann Menschen dabei helfen den Mut zu fassen, weiterzuleben“, sagte Pfarrer Michael Frieß von der Diakonie München und Oberbayern bei einem Fachtag des Forums Seelsorge in Bayern.

Stans Möhringer, ehrenamtliche Klinikseelsorgerin in Erlangen, betrachtete die Selbstwirksamkeit aus einer anderen Perspektive. Sie schilderte den Prozess bei ihrer unheilbar an Knochenkrebs erkrankten Schwester in den Niederlanden, deren Antrag auf assistierten Suizid stattgegeben wurde. „Es wurde ihr erlaubt zu sterben. Das war sehr entlastend für sie und uns Angehörige“, so Möhringer. Man habe offen und ohne Tabus oder falsche Hoffnungen über den bevorstehenden Tod reden können. „Meine Schwester hat ihre letzte Zeit sehr intensiv gelebt.“

Frieß sieht die Diskussion über Sterbehilfe in den kommenden Jahren als zentrales Thema der Seelsorge. Die Angst, dass der Druck insbesondere auf alte Menschen steige, niemandem zur Last zu fallen und deshalb diesen Weg zu gehen, betrachtet er bei einem umfassenden Beratungsangebot als unbegründet. „Aber uns muss klar werden, dass das in die Seelsorgepraxis kommen und einiges verändern wird.“ Die Diakonie werde entsprechende Beratungsstellen schaffen, falls diese in einem neuen Gesetz zur Sterbehilfe vorgesehen werden. Man betrachte solche Beratungsstellen als lebenserhaltende Maßnahmen.

Dirk Münch, Vorsitzender des Hospizteams Nürnberg, gab zu bedenken, dass sich vor allem in der Coronazeit viele alte und einsame Menschen in Heimen die Frage gestellt hätten: „Warum bin ich noch da?“ Es könne passieren, dass diese Menschen den assistierten Suizid als Exit-Strategie betrachten, wenn sie diese Frage nicht mehr beantworten können.

Das Argument, dass viele Menschen nach einem fehlgeschlagenen Suizidversuch froh seien, dass es nicht geklappt hat, betrachtet Medizinethiker Frank Erbguth, ehemaliger Leiter der Nürnberger Neurologie, als unzulässige Vermischung. Im Gegensatz zu einem Suizid im Affekt finde beim assistierten Suizid ein ernsthafter Prozess statt. Die Zahl der gewaltsamen Suizide werde dadurch weder verringert noch erhöht.

„In den meisten Fällen ändert sich durch den assistierten Suizid der Sterbeprozess der Menschen, die ohnehin nicht mehr lange zu leben haben“, beschrieb es Frieß. Er betonte, dass alle großen bayerischen Diakonien Menschen mit Sterbewunsch begleiten und gegebenenfalls auch vermitteln würden, „aber Pflegekräfte der Diakonie werden niemals das tödliche Medikament bringen“.

70 Interessierte, Haupt- und Ehrenamtliche aus dem Seelsorgebereich kamen am Mittwoch in Nürnberg zusammen, um über Seelsorge und assistierten Suizid zu sprechen. Anfang 2020 hatte das Bundesverfassungsgericht das Verbot der geschäftsmäßigen Beihilfe zum Suizid gekippt. Seitdem ringen Politik, Rechtsprechung und Gesellschaft um eine Neugestaltung des entsprechenden Paragraf 217 im Strafgesetzbuch. Derzeit liegen dem Bundestag drei Entwürfe von überfraktionellen Abgeordnetengruppen zur Diskussion vor. (3544/12.10.2022)

Von Julia Riese (epd)