Im Wartezimmer der Geschichte
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Nürnberger Regionalbischöfin Elisabeth Hann von Weyhern zum 1. Advent
Nürnberg (epd).

Spätestens seit dem Beginn der weltweiten Pandemie befinden wir uns irgendwie in einem Zwischen-Raum, einer Art Wartezimmer der Geschichte. Während vorher meist die Richtung klar war, nämlich schneller - höher - weiter, scheint es derzeit so als sei zumindest die westliche Welt in Schockstarre verfallen. Kollektives Warten - darauf, dass sich irgendwas ändert. Nur was?

Endlich Bewegung in Sachen Klimaschutz?

Ein Ende von Putins Krieg in der Ukraine?

Der Blackout und Kollaps unserer Systeme?

Dass alles so teuer wird, dass wir uns nichts mehr leisten können?

Bei der Ärztin im Wartezimmer oder an der Kasse im Supermarkt ist warten lästig, aber endlich. Ich weiß, bald komme ich dran, es dauert vermutlich nicht mehr lange. An den anderen Wartenden kann ich in etwa abschätzen, wann ich selbst an der Reihe bin. Und es ist zweckgebundenes Warten. Ich weiß genau, warum ich warte und habe eine Vorstellung davon, wie es danach weitergeht. Und selbst das macht viele von uns schon nervös, das Warten lässt sich nur schwer aushalten, man versucht sich zu beschäftigen und abzulenken.

In unserem Wartezimmer der Geschichte ist es ein anderes Warten. Nebulös und unbestimmt. Da kann man eher ahnen, fürchten, fühlen. Und was am Ende dabei herauskommt, wissen wir nicht. Aber die Prognosen in Medien und Politik lassen Schwieriges ahnen. Viele fürchten sich vor der Zukunft und die Meisten fühlen sich machtlos.

Beim allerersten Advent der Geschichte wussten sie auch nicht, worauf genau sie eigentlich warten. Klar war auch vor etwa 2000 Jahren nur: So wie es gerade ist, wird es wohl nicht weitergehen. Hohe Unsicherheit herrschte in der Bevölkerung. Das Leben unter römischer Besatzung war nicht einfach. Man ahnte, spürte, hoffte, da wird einer kommen, der was ändert. Der alles zum Guten wendet. Der Messias. Ein machtvoller Herrscher in Glanz und Gloria.

Es kam ganz anders als gedacht.

Das erste Weihnachten der Geschichte beginnt in Dunkelheit.

Statt eines prachtvollen Herrschers in einem Palast kommt ein schreiendes Baby irgendwo draußen im Nirgendwo zur Welt. Gott ist sich nicht zu schade für Elend und Not und wird Mensch mit allem, was dazu gehört. Viele konnten es kaum glauben und waren enttäuscht. So hatten sie sich die Rettung wahrlich nicht vorgestellt.

Wir heute haben den Vorteil: Wir wissen, worauf wir jedes Jahr im Advent wieder warten. Wir wissen, wie es ausgegangen ist. Wir feiern beharrlich alljährlich unser Hoffnungsritual. Mit jedem Adventssonntag bringen wir mit unseren Kerzen mehr Licht in die Welt, um an Weihnachten selbst befreit die Ankunft unseres Erlösers zu feiern.

Das haben unzählige Generationen vor uns getan, unter teilweise prekären Umständen. Und das Beruhigende ist: Es wird noch viele Weihnachten in der Geschichte geben, völlig egal, wie die Weltenlage gerade ist.

Denn Weihnachten ist ein Trotzdem-Fest, ein Mut-Mach-Fest.

Ein Gerade-Weil-Fest in aller scheinbaren Widersprüchlichkeit.

Ich finde das einen tröstlichen Gedanken!

Die Weihnachtshoffnung steht souverän über allem, was wir Menschen tun und lassen. Weihnachten IST einfach und schleicht sich in die Welt, gerade so wie man es am wenigsten erwartet. Lassen wir uns im Wartezimmer der Geschichte stören und unterbrechen! Ich wünsche Ihnen eine hoffnungsvolle Trotzdem-Zeit!

(Oberkirchenrätin Elisabeth Hann von Weyhern ist Regionalbischöfin im Kirchenkreis Nürnberg.) (00/3950/15.11.2022)

Von Regionalbischöfin Elisabeth Hann von Weyhern.