Ein Experiment hinter dem Wald

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Das kleine fränkische Beerbach könnte die erste lutherische Gemeinde in Bayern gewesen sein - Zwei Jahre Festprogramm
Erlangen/Lauf (epd)

Archivare sind meist nicht die Zeitgenossen, die mit Superlativen um sich werfen. Ewald Glückert drückt sich daher ganz vorsichtig aus. Im Jahr 1521 hat ein lutherischer Pfarrer die Kirchengemeinde Beerbach übernommen. So hat es der Kirchenarchivar in Beerbach im Dekanat Erlangen herausgefunden. Und das würde bedeuten: Das kleine Beerbach wäre damit die erste evangelische Gemeinde in Bayern. "Anno 1521 fing schon allhier das Licht des Evangelii an zu leuchten..." - so steht es in den Dokumenten.

Berühmt aber ist Beerbach nicht. Die Nürnberger kennen die Gemeinde von Spaziergängen am Sonntagnachmittag oder längeren Wanderungen auf dem Weg mit dem roten Punkt. Der führt direkt durch Pfarrhof und Friedhof der Kirche, dann hinunter an die kleine Quelle, dem sogenannten "Nikolausbrunnen", dessen Wasser man lange Zeit Heilkräfte nachgesagt hat.

"Schließen Sie bitte das Türchen", ruft Pfarrerin Clair Menzinger den Spaziergängern zu. Sonst wühlen Kaninchen in den Gräbern. Den Wanderern ist natürlich schon aufgefallen, dass die Kirche, das Pfarrhaus und die ehemalige Schule gar nicht im Dorf Beerbach stehen, sondern rund 300 Meter außerhalb der Siedlung. In heutiger Zeit hat das Ensemble darum einen großen Parkplatz, auf dem es vor und nach den Gottesdiensten geschäftig zugeht. Die rund 1.500 Mitglieder der Gemeinde wohnen schließlich verstreut in neun Ortschaften, die auf dem Gebiet der Stadt Lauf und des Marktes Heroldsberg liegen und damit auch zu zwei Landkreisen, dem Kreis Nürnberger Land und Erlangen-Höchstadt gehören. Und sie lesen zwei verschiedene Tageszeitungen.

Die Gottesdienstbesucher gehen in die Kirche von Beerbach, die im Jahr 1498 anstelle der früheren Nikolauskapelle als geräumige Hallenkirche gebaut wurde. Sechs Pfeiler gliedern den Raum in drei Schiffe: eine eher ungewöhnliche Architektur für eine Dorfkirche. Eine Gruft für das Geschlecht von Hetzelsdorf und fünf runde Totenschilde im Kirchenraum erinnern an die Stifterfamilie, die möglicherweise auch das Geld für den Hochaltar gab. Er ist um 1505 in der Werkstatt von Michael Wolgemut in Nürnberg entstandenen. Michael Wohlgemut war Albrecht Dürers Lehrmeister.

Aber zurück zur Reformationsgeschichte, als noch keiner an Parkplätze und Landkreise dachte: Der Nürnberger Rat, zu dessen Gebiet der Weiler zu der Zeit gehörte, beschloss am 12. August 1521, den lutherischen Pfarrer Conrad Wagner als Pfarrer an die dortige Nikolauskirche zu schicken. Und ab da soll dort "reformatorisches Gedankengut" gepredigt worden sein, wie es Glückert in einer Chronik ausdrückt, die jetzt zum Jubiläum erscheint. Vielleicht ist Beerbach ein "Experiment" gewesen: Es könnte sein, dass die Nürnberger "hinter dem Wald" einmal die Reformation ausprobieren wollten, ist Glückerts Theorie. Mit der Einführung des lutherischen Glaubens 1521 waren somit die Beerbacher den Nürnbergern ganze vier Jahre voraus.

Trotz dieses Superlativs hat sich aber noch nie ein Landesbischof auf den Weg in diese evangelische Keimzelle gemacht, erzählt Pfarrer Michael Menzinger. Zum 500. Reformationsjubiläum im Oktober 2021 haben sie eine Einladung an Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm geschickt und ihn schon ins Festprogramm geschrieben. Aber es gibt noch keine fixe Zusage.

Mit dem Festprogramm beginnt Beerbach aber schon am 2. Februar diesen Jahres. Es predigt Regionalbischof Stefan Ark Nitsche, denn in diesem Jahr wird die Pfarrei selbst 500 Jahre alt. Am 3. Februar 1520 stellte Georg III. Schenk von Limpurg die "Konfirmationsurkunde" aus, die Beerbach zur Pfarrei erhob. Der erste dort vom Erzbistum Bamberg eingesetzte Pfarrer namens Konrad Erckel kam, wie es hieß, mit der Gemeinde nicht zurecht und warf schon nach einem Jahr das Handtuch. Denn die Beerbacher waren wohl nicht mehr bereit, "ihm auf den althergebrachten Wegen kirchlicher Ordnung und Tradition zu folgen", schreibt Glückert. Die lutherische Gesinnung hatte ganz schnell die "hinter dem Wald" erreicht. (00/0287/24.01.2020)

Von Jutta Olschewski (epd)