Eine Gemeinschaft über den Tod hinaus

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Gemeindegrab der Protestanten in Berchtesgaden
Berchtesgadener Protestanten unterhalten Gemeindegrab für Einsame
Berchtesgaden (epd).

Eine Gemeinschaft bis über den Tod hinaus bieten die Protestanten in Berchtesgaden: Seit 2015 unterhalten sie ein Gemeinschaftsgrab, in dem Gemeindemitglieder bestattet werden können, die keine Angehörigen vor Ort haben. „Als Kirche haben wir die Pflicht, Tote ordentlich zu bestatten“, begründet Diakon Markus Sellner die Initiative. Bislang seien sechs Urnen in der Grablege auf dem Bergfriedhof Schönau am Königssee bestattet. Rund zehn weitere Verträge seien bereits abgeschlossen.

Das Gemeindegrab ist als Alternative zur anonymen Bestattung gedacht. Letztere werden nach Auskunft des Bayerischen Bestatterverbands immer häufiger in Anspruche genommen, in Großstädten liege ihr Anteil bereits bei einem Drittel. Bei einer anonymen Bestattung werden die Verstorbenen „zu einem nicht bekannten Zeitpunkt und ohne namentliche Kennzeichnung“ auf einem Gemeinschaftsfeld des örtlichen Friedhofs beigesetzt, heißt es auf der Homepage des Verbands. Trauergäste sind dabei nicht zugelassen, auf Traueranzeigen wird verzichtet. „Die Menschen verschwinden einfach“, bedauert Markus Sellner. Das entspreche nicht dem christlichen Verständnis. „Als Kirchengemeinde wollen wir einen Rahmen schaffen, unsere Mitglieder würdig zu bestattet“, sagt er.

Die Idee schaute sich der Diakon bei der Gemeinde Bad Reichenhall ab, die bereits ein Gemeindegrab unterhielt - derzeit aber wegen Uneinigkeiten mit der Kommune um dessen Fortbestand kämpft. Weitere Beispiele für Gemeindegräber bieten die Auferstehungskirche Augsburg und St. Johannes in Mering.

In Berchtesgaden ließ eine glückliche Fügung das Grab Wirklichkeit werden: Sellner war als Seelsorger im Pflegezentrum „Insula“ in Bischofswiesen gesetzlicher Betreuer von einer der letzten Diakonissen. Schwester Veronika wollte zwar auf dem Schönauer Bergfriedhof bestattet werden, das Grab sollte jedoch nach Ablauf der Zehn-Jahres-Frist aufgelöst werden. Von der Idee eines Gemeinschaftsgrabs für Menschen ohne Angehörige war die Diakonisse angetan und setzte die Gemeinde als Erbin ihrer Grabstätte ein. Zusätzlich zu diesem Einzelgrab kauften die Protestanten das nebenliegende Grab: „So entstand ein Doppelgrab für zwölf Urnen“, erklärt Sellner.

Doch ganz so einfach ließ sich das Vorhaben nicht umsetzen. Wer weiß, was eine durchschnittliche Beerdigung kostet und an wie vielen Stellen dabei Kosten und Gebühren anfallen, der wird sich nicht wundern, dass die Berchtesgadener noch einige finanzielle Fragen klären mussten. Zunächst hatte die Landeskirche Bedenken, das Grab könne als undurchsichtige Einnahmequelle für die Gemeindearbeit dienen und so dem Ruf der Kirche schaden. Der Einwand konnte durch eine saubere Vertragsgestaltung ausgeräumt werden: „Alle Einnahmen und Ausgaben des Gemeindegrabs laufen über ein eigenes Konto, das nichts mit dem Gemeindehaushalt zu tun hat“, betont Sellner.

Aber auch die Kommune, die Einnahmeeinbußen fürchtete, stellte sich quer. „Einen Grabplatz nach Ablauf der Frist neu zu verkaufen, bringt mehr Geld, als eine ständige Weiterverlängerung“, erklärt der Diakon. Um den Kreis der Interessenten klein zu halten, verpflichtete sich die Gemeinde deshalb, nur Anträge von Menschen zu bewilligen, die zu Lebzeiten ein nahes Verhältnis zur Gemeinde hatten. Zudem muss jeder Antrag vom Kirchenvorstand geprüft werden.

1.500 Euro kostet die Bestattung im Gemeindegrab Berchtesgaden. Davon bezahlt die Gemeinde die Grabnutzungsgebühr für zehn Jahre, frische Erde, Blumen und einmalige Anschaffungen wie das gebrauchte schmiedeeiserne Kreuz. Die Verstorbenen bekommen eine würdige Beerdigung, ihre Namen bleiben dauerhaft auf den Namensbrettchen am Grab erhalten. Mit jeder neuen Bestattung verlängert sich die Frist wieder um zehn Jahre.

Dass das Gemeindegrab guten Anklang findet, merkt der Diakon bei jedem Gang über den Bergfriedhof: „Ich habe es seit sechs Jahren nicht erlebt, dass am Grab nicht frische Blumen standen oder ein Ewiges Licht brannte“, sagt er. Menschen bräuchten einfach einen Ort, an denen sie sich an die Verstorbenen erinnern könnten - auch wenn es nicht die nächsten Angehörigen sind. Und in der Altenheimseelsorge erlebe er immer wieder, dass es für Hochbetagte ein tröstlicher Gedanke sei, „wenn sie wissen, wo sie bestattet werden, und dass es jemanden gibt, der an sie denkt“, sagt Sellner. (00/2798/22.08.2021)

Von Susanne Schröder