Medien
Wie Facebook, nur anders
"Vero" will eine Konkurrenz für Facebook und Instagram werden
Berlin, Köln (epd). Mehr als eine Milliarde Menschen weltweit surfen täglich auf Facebook, bei Instagram sind es rund 500 Millionen Nutzer. Das soziale Netzwerk "Vero" will die Internet-Giganten ablösen: Indem es seinen Nutzern verspricht, auf Werbung, selektierende Algorithmen und Datensammelei zu verzichten. "True social", echt sozial, solle das Miteinander im Internet dadurch wieder werden, erklären die Betreiber.

Auch Stephan Röger aus Berlin ist neugierig auf Alternativen zu Facebook und Co - er hat seit etwa einer Woche ein "Vero"-Nutzerkonto. Ihm gefällt, dass das Netzwerk verspricht, sparsamer mit seinen Daten umzugehen. Viel Zeit habe er dort aber noch nicht verbracht, gesteht er. "Es rumpelt derzeit noch ziemlich auf Vero. Dass mein Registrierungsprozess funktioniert hat, war mehr oder weniger Zufall."

Auf den ersten Blick ähnelt "Vero" der Foto-Plattform Instagram - außer, dass es einen dunklen grau-grünen Anstrich hat. Wie in den etablierten Netzwerken sollen auch die "Vero"-Nutzer Inhalte teilen, die dann in einer Timeline erscheinen, aber in chronologischer Reihenfolge und ohne Anzeigen-Unterbrechungen. Posts von Fotos, Videos, Links, Musik, Filmen, Büchern und Orten lassen sich so einstellen, dass sie nur für bestimmte Nutzer sichtbar sind. Dafür teilen Nutzer ihre Online-Verbindungen in Gruppen ein, die zwischen "engen Freunden", "Freunden", "Bekannten" und "Followern" unterscheiden. Facebook hat durch das Erstellen von Freundeslisten bereits eine ähnliche Funktion.

Die Smartphone-App von "Vero" gibt es zwar schon seit 2015, sie löste aber erst in der vergangenen Woche einen regelrechten Hype aus: Im Apple-App-Store und im Google-Play-Store stand "Vero" zwischenzeitlich ganz oben in den Charts, auch der Hashtag "Vero" trendete bei Twitter. Nach Angaben der Betreiber hat "Vero" inzwischen eine Million registrierte Nutzer. So viele, dass sogar Gerüchte laut wurden, das Unternehmen hätte prominente Blogger für Werbung bezahlt. Für sie ist "Vero" ideal: Ohne einen Algorithmus werden ihre Posts nicht von denen zahlender Werbekunden verdrängt.

Scheinbar trifft "Vero" einen Nerv: Viele Social-Media-Fans haben offenbar kein Interesse mehr an überladenen Werbeplattformen, zu denen sich Facebook und Instagram zunehmend entwickelten. Bei der jungen Generation verliert Facebook sogar drastisch an Bedeutung: Nur noch ein Viertel der Zwölf- bis 19-Jährigen nutzt die Plattform regelmäßig, wie aus einer Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest hervorgeht. Im Jahr 2016 waren es noch 43 Prozent.

Auf Twitter beschweren sich indes viele User über Server-Abstürze bei "Vero". Die Betreiber haben offensichtlich nicht mit einem derart starken Nutzer-Ansturm gerechnet. Auf ihrer Internetseite entschuldigten sie sich und versprachen, die App als Entschädigung länger kostenlos zur Verfügung zu stellen. Ursprünglich wollten die Betreiber, sobald "Vero" eine Million Nutzer hat, eine jährliche Gebühr einführen. Die Marke war Ende Februar geknackt worden. Mit dem Abo-Zahlmodell wollen die Erfinder die fehlenden Werbeeinnahmen ersetzen.

Der Kölner Social-Media-Experte Hendrik Unger ist skeptisch, ob sich "Vero" als soziales Netzwerk etablieren wird. Dafür bräuchte die App seiner Meinung nach eine Funktion, die Nutzer bislang noch nicht von Facebook oder Instagram kennen. Die Besonderheiten, mit denen "Vero" werbe, seien nicht neu, erklärt Unger. Auch Facebook sei ohne Werbung und Algorithmus gestartet. Unger vermutet, dass auch "Vero" bei steigenden Nutzerzahlen nicht ohne eine Art der Sortierung auskommen werde. "Wenn Vero versucht, alle Meldungen der Reihe nach abzubilden, ist vielleicht erst an Platz 349 die spannendste Nachricht des Tages. Aber ich habe keine Lust, immer bis nach ganz unten runterzuscrollen", erläutert er.

Auch Marleen Wesselmann hat die App installiert - begeistert ist die Studentin aber bislang nicht. Die 22-Jährige findet es schwierig, eindeutig zwischen Freunden und Bekannten zu trennen. Auch empfindet sie das dunkle Layout von "Vero" als erdrückend. Gelöscht hat sie die App trotzdem noch nicht. "Ich möchte gucken, wie sie sich bei meinen Freunden verbreitet", sagt sie.

Doch noch bevor die Seiten bei "Vero" mit Inhalten gefüllt sind, scheint der Hype wieder abzunehmen. Nachdem Vorwürfe aufkamen, das Familienunternehmen von "Vero"-Mitgründer Ayman Hariri, ein Milliardär libanesischer Herkunft, habe seine Mitarbeiter nicht ausreichend bezahlt, startete bei Twitter eine Protest-Kampagne. Nutzer fordern unter dem Hashtag "DeleteVero" dazu auf, die App wieder zu löschen.

Von Patricia Averesch