Soziales
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Putzen und pflegen statt spielen und lernen
Wenn Minderjährige ihre pflegebedürftigen Eltern versorgen müssen
Witten, Berlin (epd). "Ich lebe mit meinem alkoholabhängigen Vater alleine zu Hause. Wenn ich den Haushalt nicht erledige, putze, koche, mich um wichtige Briefe oder Rechnungen kümmere, tut das keiner", erzählt ein 16-Jähriger auf der Website "Young-Carers - Hilfe für pflegende Kinder". Eine 14-Jährige beschreibt ihren Alltag so: "Meine kranke Mama braucht aktuell ständig Hilfe. Das hat mein Leben immens verändert. Ich kann mich nicht mehr spontan mit Freunden treffen, muss bestimmte Zeiten für Arztbesuche einhalten, bügeln und ihr nach dem Duschen helfen."

Diese beiden Jugendlichen sind keine Einzelfälle: Schätzungsweise 250.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland unterstützen laut einer Studie des Zentrums für Qualität in der Pflege mehr als 20 Stunden pro Woche einen Familienangehörigen. Neben Schule oder Ausbildung. Auch die Schülerin Lana Rebhan, Initiatorin der Young-Carers-Plattform, übernahm im zarten Alter von acht Jahren viel Verantwortung im Familienalltag.

Benjamin Salzmann von der Fachstelle für pflegende Angehörige der Diakonie Berlin berichtet aus seinen beruflichen Erfahrungen: "Schon im Grundschulalter beginnen Kinder mitzuhelfen." Manche Jugendliche seien bis zu 50 Stunden in der Woche mit Betreuung, Pflege und Haushaltsführung beschäftigt.

Sabine Metzing, Pflegewissenschaftlerin an der Universität Witten/Herdecke, hat zwischen 2015 und 2017 mehr als 6.000 Schülerinnen und Schüler im Alter von zehn bis 22 Jahren in Nordrhein-Westfalen befragt. Erste Ergebnisse ihrer noch nicht veröffentlichten Studie geben Aufschluss darüber, was minderjährige Pflegende leisten: Sie kaufen ein, kochen und füttern, dosieren Medikamente, unterstützen beim An- und Ausziehen und übernehmen Körper- und Intimpflege.

In Berlin gibt es nach Angaben von Salzmann rund 12.000 Jugendliche, die zu Hause jemanden betreuen und pflegen. "Viele Young-Carer vermeiden es, dass ihre Situation bekannt oder bemerkt wird", sagt der Experte. "Nach dem Motto: Das ist eine Familienangelegenheit, die niemanden etwas angeht." Auch nähmen Betroffene die hohe Belastung lange Zeit selbst nicht bewusst wahr - teils, weil sie in ihrem Pflichtbewusstsein gefangen seien, teils aus Stolz auf ihre Leistungen für die Familie.

Für sie bietet die Diakonie Berlin mit ihrer Beratungsstelle "Pflege in Not" seit gut einem Jahr das Projekt "Echt Unersetzlich" an. Auf dem Onlineportal finden junge Pflegende Informationen und Hilfe im Umgang mit ihren Belastungen, hier können sie sich mit anderen Betroffenen austauschen und sich online kostenlos und anonym beraten lassen. Wer möchte, darf auch persönlich in die Beratungsstelle kommen.

"Wir wollen ein Vorbild sein für weitere Unterstützungsangebote", sagt Salzmann. In Berlin wurden in einem Jahr rund 200 Fachkräfte in Schulen, Jugendämtern und in der Pflege geschult und für die Nöte von jungen Pflegenden sensibilisiert. "Statistisch gesehen, gibt es ein bis zwei junge Pflegende in jeder Schulklasse", erklärt er. "Deshalb setzen wir auch bei den Lehrern an. Sie können Brücken bauen zu entlastenden Angeboten."

Weil es an Unterstützung für junge Pflegende fehlt, hat das Bundesfamilienministerium das Onlineportal "Pausentaste" initiiert. Es bietet Informationen und Beratungsangebote und ist verknüpft mit dem Kinder- und Jugendtelefon "NummergegenKummer – 116111", die kostenlos, anonym und bundesweit berät. Auch die "Superhands"-Hotline der Johanniter will minderjährige Pflegende unterstützen. Den Projekten ist gemeinsam, dass sie nicht nur pflegende Kinder und Jugendliche ansprechen, sondern ebenso Familien und Fachkräfte auf die Folgen einer zu großen Belastung aufmerksam machen.

Viele junge Pflegende bleiben der Studie des Zentrums für Qualität zufolge in der Pflege auf sich allein gestellt, entfernen sich von ihrer Altersgruppe und isolieren sich. Manche brechen Schule, Ausbildung oder Studium ab – um ihre Familie nicht im Stich zu lassen.

epd-West bas ho

Von Verena Mörath