Kultur
© epd-West / Stefan Arend
Opel-Werk-Stadt
Ausstellung von Studenten zeigt Geschichte des Bochumer Opel-Werks
Bochum (epd). Monatelang hat Chantal-Sophie Nettler in Archiven gestöbert, Akten gelesen und mit ehemaligen Mitarbeitern gesprochen. Sie hat sich ihr eigenes Bild gemacht: von den Anfängen des Werkes, von den Arbeitsbedingungen und von der Bedeutung, die dieses Unternehmen für die Stadt Bochum hatte. Unter dem Titel "Opel-Werk-Stadt" hat die 30-jährige Geschichtsstudentin gemeinsam mit ihren Kommilitonen Anke Singelmann, Hendrik Monkowius und George Rohlf eine Ausstellung über den Autobauer Opel konzipiert.

Die Ergebnisse sind im Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte zu sehen. Die Studierenden des geschichtsdidaktischen Seminars der Ruhr-Universität-Bochum unter der Leitung von Dozent Dirk Urbach haben sich mit einem bestimmten Abschnitt der Opel-Geschichte beschäftigt: den Ereignissen von 1962 bis 1973. Von den ersten Verhandlungen zur Ansiedlung eines Opel-Werkes, über die Bauphase auf dem Gelände der alten Zeche Dannenbaum, der Produktionsphase bis zur Ölpreiskrise im Jahr 1973, die mit der Schließung der letzten Zeche in Bochum zusammenfiel.

Für die Ausstellung hat Chantal-Sophie Nettler Modellautos in Vitrinen gestellt, alte Autoteile wie Wellblech, Lenker und Schweinwerfer drapiert und Schwarz-Weiß-Fotografien von Produktionsprozessen aufgehängt. "Auf den Bildern sieht alles so rein und steril aus. Alles ist perfekt in Szene gesetzt. Dabei ist es in Wirklichkeit sehr schmutzig zugegangen", sagt die gebürtige Bochumerin. Sie habe mit der Arbeit an der Ausstellung eine neue Perspektive auf Opel gewonnen. In Gesprächen mit ehemaligen Mitarbeitern habe sie erfahren, wie monoton die Arbeit am Fließband gewesen und wie laut es im Werk zugegangen sei. "Manche Mitarbeiter sind dabei wahnsinnig geworden", erzählt die Studentin.

Von Projektleiter Dirk Urbach kam die Idee, sich mit der Geschichte Opels in einem Seminar auseinanderzusetzen. Der Gedanke, aus den Ergebnissen eine Ausstellung zu machen, kam erst später. 2016 habe er etwas wehmütig beobachtet, wie auf dem alten Opel-Gelände die Abrissbagger ihre Arbeit erledigten. Er selbst ist in Bochum aufgewachsen. Opel, die Ruhr-Uni und der VfL Bochum hätten für ihn viele Jahre ganz selbstverständlich zur Stadt gehört. "Ich habe mich dann damals gefragt: Wie hat eigentlich das begonnen, was hier heute in Trümmern liegt?"

Gemeinsam mit seinen Studierenden machte er sich auf die Suche nach alten Dokumenten und nach Zeitzeugen. Am meisten überrascht hat Urbach, wie geheim die ersten Verhandlungen zwischen der Stadt Bochum und Opel abgelaufen seien. "Das liest sich wie ein Wirtschaftskrimi", sagt Urbach. "Die Ansiedlung Opels in Bochum war zu dem Zeitpunkt eine heikle Geschichte. Sie stand lange auf der Kippe."

Anfang der 1960er Jahre habe sich Opel mit dem Namen "Kurt Wolff und Co." getarnt, schildert der Historiker. Die Zechenbetriebe sollten nicht erfahren, dass man es hier mit einem riesigen Unternehmen zu tun hatte und dass dieses ihnen Arbeiter wegnehmen konnte. Von ein paar Tausend neuen Arbeitsplätzen sei damals die Rede gewesen. Erst bei der Eröffnungs-Pressekonferenz im Jahr 1962 habe man das Geheimnis gelüftet. Und aus ein paar Tausend Mitarbeitern wurden später über Zehntausend.

In Spitzenzeiten hatten in den drei Werken in Bochum etwa 20.000 Menschen gearbeitet, im Jahr 2011 noch rund 5.000. Durch die Aufgabe der Automobilproduktion im Jahr 2014 entfielen dann etwa 3.500 Stellen.

Gerne hätten Urbach und seine Studierenden in ihre Ausstellung auch Gegenstände aus dem Opel-Firmenarchiv verwendet. Das sei ihnen jedoch nicht gelungen. Ingrid Wölk von Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte wundert das nicht: "Opel hat kein Interesse daran, Erinnerungen wach zu halten."

Von Julia Bernewasser