Soziales
NRW verabschiedet sich vom Turbo-Abitur
Landtag beschließt Rückkehr zu G9
Düsseldorf (epd). Schüler in Nordrhein-Westfalen machen ihr Abitur künftig wieder nach neun Jahren. Der nordrhein-westfälische Landtag beschloss in Düsseldorf, dass die Gymnasien ab dem Schuljahr 2019/2020 grundsätzlich von der achtjährigen Gymnasialzeit, genannt G8, zu G9 zurückkehren. Das 13. Schulrechtsänderungsgesetz wurde mit den Stimmen der Regierungsfraktionen CDU und FDP verabschiedet. SPD, Grüne, AfD und drei fraktionslose Abgeordnete enthielten sich. Die Oppositionsfraktionen befürworteten die Abkehr vom sogenannten Turbo-Abitur, kritisierten aber insbesondere die geplante Wahlfreiheit für einzelne Schulen.

"Wir haben alle erlebt, dass es trotz jahrelanger intensiver Gespräche und verschiedener Maßnahmen nicht gelungen ist, die notwendige Akzeptanz für G8 bei allen Eltern und Lehrern zu schaffen", sagte Schulministerin Yvonne Gebauer im Landtag. Die Umstellung soll zum Schuljahr 2019/20 mit den Klassen 5 und 6 erfolgen. Einzelne Gymnasien können sich jedoch entscheiden, bei G8 zu bleiben.

Gebauer verteidigte diese Wahlfreiheit: "Wir sollten diejenigen Schulen, die in jahrelanger Arbeit bestmögliche Konzepte für G8 erarbeitet haben und mit diesen weiterarbeiten wollen, nicht zu G9 zwingen." Absehbar würden weniger als zehn Prozent der Gymnasien bei der achtjährigen Gymnasialzeit bleiben. Der CDU-Abgeordnete Frank Rock verwies darauf, dass es auch bei der bisherigen generellen Gültigkeit von G8 elf Gymnasien in NRW gegeben habe, die ohne Probleme bei G9 geblieben seien.

Dagegen warnte die bildungspolitische Sprecherin der Grünen, Sigrid Beer, vor ungeklärten Fragen bezüglich der künftigen G8-Schulen. Sie verwies auf die Pflege der G8-Lehrpläne, die zentrale Abschlussprüfung nach der zehnten Klasse und den Fremdsprachenunterricht. Der AfD-Politiker Helmut Seifen kritisierte, die Wahlfreiheit erschwere den Schulwechsel für Schüler, "die bei einem Wohnortwechsel das passende Gymnasium nicht vorfinden".

Die SPD beklagte auch ein fehlendes Bekenntnis zum Ganztag. Gymnasien können nach dem neuen Gesetz selbst entscheiden, ob sie einen Ganz- oder Halbtagsbetrieb anbieten. Die SPD-Abgeordnete Eva-Maria Voigt-Küppers erklärte, es sei aus Studien bekannt, dass gerade Schüler aus bildungsfernen Haushalten von der individuellen Förderung im Ganztag profitierten. "Ohne einen strukturierten Ganztag wird es keine gerechte Bildung geben."

Noch beraten muss der Landtag über einen Gesetzentwurf, der festlegt, in welcher Höhe das Land den Kommunen die Kosten für die Umstellung auf G9 erstattet. Die Landesregierung hatte dazu ein Gutachten beauftragt, das einmalige Ausgaben in Höhe von 518 Millionen Euro sowie zusätzliche laufende Betriebskosten von jährlich 31 Millionen Euro prognostizierte. Hinzu kommen weitere Ausgaben für zusätzliche Lehrer in Höhe von voraussichtlich etwa 110 Millionen Euro jährlich. Ministerin Gebauer hatte erklärt, das Gutachten sei Grundlage für Gespräche mit den Kommunen über die Kostenverteilung.

Die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit auf acht Jahre, das sogenannte Turbo-Abitur, war zum Schuljahr 2008/2009 von der damaligen schwarz-gelben Landesregierung unter Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) eingeführt und von allen Parteien im Landtag unterstützt worden. In der Schulpraxis hagelte es jedoch regelmäßig Kritik von Lehrern und Eltern. Zuletzt hatte sich Bayern für eine Abkehr von G8 entschieden.

epd-West max es