Kultur
"Lese keine Kritiken, sondern meine Schecks"
Mickey Spillane, Schöpfer des Privatdetektivs Mike Hammer, wurde vor 100 Jahren geboren
Bielefeld (epd). Als Privatdetektiv Mike Hammer erkennt, dass seine Geliebte die Mörderin seines Freundes ist, erschießt er sie, ohne mit der Wimper zu zucken. Im Sterben will sie wissen: "Wie konntest du nur?" Hammers Antwort: "Es war leicht." Schon das Ende des ersten Auftritts des brutalen und chauvinistischen Privatermittlers Mike Hammer in "Ich, der Richter" im Jahr 1947 löste bei Kritikern einen Sturm der Entrüstung aus.

Mit Mike Hammer schickte Mickey Spillane (1918-2006) nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs einen Privatermittler durch die finsteren Gassen New Yorks, der wesentlich weniger Skrupel kannte als die Vorgänger Sam Spade von Dashiell Hammett oder Philip Marlowe von Raymond Chandler. Vor 100 Jahren, am 9. März 1918, wurde Mickey Spillane in New York geboren.

"Spillane ist, soweit ich sehen kann, nichts als eine Mischung aus Gewalt und offener Pornografie", ätzte der renommierte Krimi-Autor Raymond Chandler (1888-1959) damals. In Deutschland setzte die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften 1954 den Roman "Die Rache ist mein" auf den Index. Sie monierte "zynische Brutalität der Darstellung einer ununterbrochenen Kette von Verbrechen", eine "starke sexuelle Note" sowie die "barbarische, dem Jargon der Gosse entnommene Sprache".

Mit seinem Stil, der sich an den billigen und reißerischen sogenannten Pulp-Magazinen orientierte, beeinflusste Spillane spätere Krimi-Autoren wie Jim Thompson oder Elmore Leonard. Auch Filme wie "Sin City" (2005) zeugen von Spillanes Einfluss.

Kritik, machte der Autor Spillane immer wieder klar, ließ ihn kalt. Er lese keine Literaturkritiken, sondern nur seine Schecks. Angeblich schrieb er ein Buch innerhalb von vier Wochen runter. "Ich bin Schreiber, kein Autor", gab er gern zu Protokoll. Er schreibe nicht für einen Platz in der Literaturgeschichte, sondern "damit Rauch aus dem Schornstein kommt".

Gern verbreitete er das Bild eines erzkonservativen Machos, der Liberale und Antikriegsdemonstranten ablehnte. Die Brutalität in seinen Büchern rechtfertigte Spillane, der als Kampfflieger im Zweiten Weltkrieg Piloten ausbildete, mit dem Argument, er schreibe für Kriegsveteranen, die seien an diese Art Gewalt gewöhnt.

Bei den Lesern kamen seine Bücher an: Bis heute wurden nach Angaben des Portals "Krimicouch" weltweit mehr als 200 Millionen seiner Bücher verkauft. 13 Mike-Hammer-Romane veröffentlichte Spillane, viele seiner Werke wurden verfilmt. In dem Streifen "Der Killer wird gekillt" (1963) ist Spillane selbst als Mike Hammer zu sehen. Von 1984 bis 1987 ermittelte der Detektiv - gespielt von Stacey Keach - in der Fernsehserie "Mike Hammer", die in Deutschland zuerst auf Sat.1 lief.

Der deutsche Autor Jörg Fauser (1944-1987, "Der Schneemann") schrieb in seiner Spillane-Würdigung "Mein ist die Rache, spricht der Mike", Spillanes Werke zeigten die immer brutalere Seite der US-amerikanischen Nachkriegsgesellschaft. Dazu gehörten der hysterische Antikommunismus, die Watergate-Affäre des US-Präsidenten Richard Nixon, der Kalte Krieg und die schleichende Korrumpierung durch das organisierte Verbrechen. "Man mag von Spillane halten, was man will - diese Wirklichkeit hat er zwar vereinfacht, aber keineswegs geschönt", schrieb Fauser.

Der am 9. März 1918 in New York als Frank Morrison Spillane geborene Autor wuchs in Brooklyn auf. Vor dem Zweiten Weltkrieg schrieb er bereits für Pulp-Magazine und textete Comics. Nach der Rückkehr aus dem Krieg brauchte er Geld für ein Haus. Daher habe er seinen ersten Mike-Hammer-Roman "in neun oder 19 Tagen" in seine Schreibmaschine getippt, wie er sagte.

Im Gegensatz zu seinem raubeinigen Helden lebte der Autor mit dem kurzhaarigen Militärschnitt eher bieder: Er war kein Raucher und Trinker. Nachdem er Mitglied der "Zeugen Jehovas" geworden war, pausierte er zwischen 1952 und 1962 auch als Krimischreiber. Stattdessen soll er an den Haustüren Traktate verteilt haben. Insgesamt war er dreimal verheiratet und hatte vier Kinder aus seiner ersten Ehe.

Erfolgreich war Spillane auch als Autor von Kinderbüchern wie "Der Tag, an dem das Meer verschwand". Ein Vermögen machte der Mann, der über Jahrzehnte Alkoholabstinenzler war, auch durch Werbespots für die Bierbrauerei Miller.

Für seine Leistungen in der Krimi-Literatur wurde ihm 1995 die höchste Auszeichnung des US-Krimi-Schriftsteller-Verbands "Mystery Writers of America" verliehen, der "Grand Master Award". Spillane starb im Alter von 88 Jahren am 17. Juli 2006 in South Carolina. Über sein Werk sagte er selbst: "Die Leute sagen, ich schreibe Schund. Ich sehe das auch so - aber es ist guter Schund."

Von Holger Spierig