Ethik
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Gegenwind für Flüchtlingshelfer
Politische Debatte erschwert Organisationen und Initiativen die Arbeit
Bonn (epd). "Warum hilfst du denen denn?" Diese vorwurfsvolle Frage hört Elaine Yousef seit einiger Zeit immer wieder in ihrem Bekanntenkreis. Die im Libanon aufgewachsene Erziehungswissenschaftlerin mit syrischen Wurzeln lebt seit 27 Jahren in Deutschland und arbeitet sowohl haupt- als auch ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe. Gelegentlich bekommt sie zu hören, man solle die Flüchtlinge alle abschieben, weil sie auf unsere Kosten lebten. Mit solchen Forderungen sieht sich Yousef vor allem nach Fällen wie in Freiburg und Kandel konfrontiert, wo Flüchtlinge zwei deutsche Mädchen töteten.

Häufig würden nach solchen schlimmen Vorkommnissen alle Flüchtlinge in einen Topf geworfen und als kriminell abgestempelt, sagt Yousef, die als Koordinatorin für ein Flüchtlings-Projekt des Bundesverbandes Netzwerke von Migrantenorganisationen (NeMO) in Waltrop in Nordrhein-Westfalen arbeitet. "Das macht mir zu schaffen." Sehr oft fühle sie sich auch selbst verletzt. Denn schließlich habe auch sie eine Einwanderungsgeschichte und sei vor dem Krieg im Libanon nach Deutschland geflohen. Wenn sie auf diesen Umstand hinweise, bekomme sie von ihren deutschen Bekannten oft zu hören: "Ja, du bist ja auch anders."

Viele Vereine und Wohlfahrtsorganisationen, die in der Flüchtlingshilfe aktiv sind, spüren derzeit den Gegenwind der wochenlangen politischen Debatte um Zurückweisung und Abschiebung von Flüchtlingen. Die Willkommenskultur, die 2015 zunächst die öffentliche Wahrnehmung bestimmte, sei verpufft, sagt die Vorstandsvorsitzende des Essener Vereins "Werden hilft!", Ulla Lötzer. "Jetzt werden ehrenamtliche Flüchtlingshelfer sogar teilweise von Arbeitskollegen beschimpft", berichtet die frühere Linken-Bundestagsabgeordnete.

Direkte Beschimpfungen oder gar Angriffe auf ihre ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer sind für die großen Wohlfahrtsverbände bislang noch kein Problem. Allerdings beobachtet der Deutsche Caritasverband, dass der Ton in den Diskussionen zum Thema Flüchtlinge rauer geworden sei. Einzelne Caritas-Einrichtungen seien wegen ihres Einsatzes für Flüchtlinge in den Sozialen Medien attackiert worden, sagt eine Sprecherin des Verbandes.

"Die Stimmung in der Gesellschaft hat sich geändert", bestätigt auch Klaus Walraf vom Malteser Hilfsdienst. Zu den Info-Veranstaltungen für ehrenamtliche Helfer kämen heute deutlich weniger Interessierte als noch vor zwei Jahren. Das bekommen vor allem auch die vielen lokalen Vereine und Initiativen zu spüren.

"Es ist schwierig geworden, neue Leute zu finden", sagt auch Claudia Weimann von der Ökumenischen Flüchtlingshilfe Dellbrück/Holweide in Köln. Dabei würden nach wie vor neue Helfer gebraucht. Denn trotz eines festen Stamms hörten auch immer wieder Ehrenamtliche auf, denen zum Beispiel der Zeitaufwand auf Dauer zu hoch werde. Zum anderen änderten sich nun auch die Bedarfe. Sei es in der ersten Zeit darum gegangen, die Flüchtlinge in Deutschkurse zu bringen oder Freizeitangebote zu machen, sei nun die Integration in den Arbeitsmarkt das große Thema, sagt Weimann.

Viele Flüchtlinge wollen sich gerne integrieren und wünschen sich nach der Erfahrung des Caritasverbandes einfach nur Kontakt zu Deutschen. Die Caritas in Essen hatte deshalb das Projekt "Essener Begegnungen" gestartet, bei dem sich deutsche und Flüchtlings-Familien treffen. "Das war gut angelaufen", sagt Björn Enno Hermans, Direktor des Caritasverbandes für die Stadt Essen. Doch inzwischen steht das Projekt auf der Kippe. Die Nachfrage bei den Flüchtlingen ist ungebrochen, doch immer weniger deutsche Familien melden sich.

Es kämen nicht nur weniger Ehrenamtliche, sondern auch die Förderung der Flüchtlingsarbeit durch die Wirtschaft sei zurückgegangen, sagt Flüchtlingshelferin Lötzer. Die Bereitschaft von Firmen, Praktika oder Beschäftigungsmöglichkeiten für Flüchtlinge bereitzustellen, sei deutlich gesunken.

Die Verschiebung der politischen Debatte habe die Rahmenbedingungen für die Flüchtlingshelfer verschlechtert, meint auch Sabine Kaldorf vom Verein Flüchtlingshilfe Bonn. "Die Politik redet nur noch darüber, wie man Flüchtlinge loswerden kann, nicht mehr über Integration."

Von Claudia Rometsch