Ethik
Drei leere Worte
Von der Schwierigkeit, sich zu entschuldigen
Düsseldorf, Erfurt (epd). Der Deutschen Bahn tut es leid, dass der ICE Verspätung hat, und im Restaurant fragen Gäste entschuldigend nach der Rechnung. Ständig wird sich um uns herum für dieses oder jenes entschuldigt. VW-Chef Matthias Müller entschuldigt sich für die Abgastests mit Affen, John Cryan für die Finanzskandale der Deutschen Bank und ZDF heute-Show-Moderator Oliver Welke wegen seiner Scherze über den AfD-Politiker Dieter Amann.

Entschuldigen: "jemanden wegen eines falschen Verhaltens um Verständnis bitten". So definiert der Duden das Wort. Aus theologischer Sicht gehe das streng genommen gar nicht, sich zu entschuldigen, erklärt Julia Knop, Professorin für Dogmatik an der Universität Erfurt. Nach christlichem Verständnis sei eine Entschuldigung ein Akt zwischen zwei Menschen und Gott.

Im täglichen Miteinander bedeute das gegenseitige Verzeihen einen Akt zwischenmenschlicher Gnade. "Schuld ist etwas, das niemand selbst weg bekommt", sagt die katholische Theologin. Es brauche immer ein Gegenüber, das sagt: "Ich vergebe dir". Deshalb sei die Formulierung "ich entschuldige mich" falsch. Man könne nur um Entschuldigung bitten oder sagen, dass es einem leidtut.

Die Dogmatik-Professorin beobachtet mit Skepsis, wie "inhaltsleer" Entschuldigungen heutzutage vielfach geworden seien. Eine öffentliche Entschuldigung sei immer auch eine "Inszenierung", sagt Knop. Öffentliche Konflikte seien nicht erwünscht. Während Manager früher davon sprachen, "Verantwortung für etwas zu übernehmen", würden sie sich heute - stets auf der Suche nach Harmonie - für alles entschuldigen. So stumpfe der Begriff immer mehr ab, erklärt die Erfurter Theologin.

"Sorry" sagen geht auch auf dem Smartphone per WhatsApp oder im Internet per Twitter, Instagram und Facebook. Als der für seine mangelnde Disziplin bekannte Fußballspieler Pierre-Emerick Aubameyang im Januar von Borussia Dortmund zum FC Arsenal wechselte, wandte er sich auf Instagram noch einmal an seine Fans. "Habe Fehler gemacht", schrieb er dort.

Entschuldigungen über soziale Netzwerke seien keine schlechte Idee, findet Autor und Benimm-Ratgeber Moritz Freiherr Knigge. Auf einen Shitstorm reagiere man am besten über den Kanal, der den Sturm gebracht hat. Wichtig sei, im Gespräch zu bleiben, dem anderen zuzuhören und ihn ernst zu nehmen. Das geht nach Ansicht des Knigge-Profis auch digital.

Im Netz wimmelt es von Tipps und Tricks, wie die richtige Entschuldigung gelingt. "Nicht warten", "nicht zwischen Tür und Angel" und "keine Ausreden", empfehlen die selbst ernannten Experten. So einfach sei es jedoch nicht, findet Knop, die sich bereits in ihrer Dissertation mit Schuld und Vergebung beschäftigt hat.

Eine Entschuldigung fiele den Menschen immer schwer, auch mit gut gemeinten Ratschlägen. Schließlich müsse sich mit einer Entschuldigung jeder eingestehen, dass er nicht so souverän und unangreifbar ist, wie er gerne wäre. Außerdem wüsste die schuldig gewordene Person nie, wie das Gegenüber auf die Entschuldigung reagiert.

Gelingen kann eine Entschuldigung nur, "wenn sich zwei nicht darin verbeißen, Recht zu haben", erklärt der Nachfahre des bekannten Benimm-Papstes Adolph Knigge. "Dann, wenn beide ihren Teil dazu beitragen, dass von Schuld keine Rede mehr ist und eigentlich auch nie war." Wenn die Entschuldigung nicht nur eine Floskel ist, sondern ernst gemeint, dann hat sie gute Chancen, angenommen zu werden. Und die Harmonie ist damit auch wiederhergestellt.

Von Carina Dobra