Soziales
Deutschland bleibt beim Mindestlohn hinter anderen EU-Staaten zurück
Studie: Starker Anstieg der Lohnuntergrenze in europäischen Ländern
Düsseldorf (epd). Deutschland liegt beim Mindestlohn hinter seinen europäischen Nachbarn zurück: Liegt hierzulande seit 1. Januar 2017 die gesetzliche Lohnuntergrenze bei 8,84 Euro, wird in Frankreich 9,88 Euro, in Belgien 9,47 Euro, in den Niederlanden 9,68 Euro und in Luxemburg gar 11,55 Euro gezahlt. 19 der 22 EU-Länder haben ihren Mindestlohn zum Jahresanfang oder im Laufe des Vorjahres erhöht, wie aus einer in Düsseldorf veröffentlichten Untersuchung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hervorgeht. Der deutsche Mindestlohn sei gemessen am allgemeinen Lohnniveau im Land "moderat", stellen die Forscher fest.

Die Tarifexperten des Instituts fordern eine starke Anhebung des Mindestlohns in Deutschland. Dieser dürfe nicht länger "deutlich unterhalb des Niveaus anderer westeuropäischer Staaten bleiben", erklären sie mit Blick auf die nächste Lohnerhöhung. Die Mindestlohnkommission der Bundesregierung wird im Juni eine konkrete Empfehlung zur Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns zum 1.1.2019 abgeben. Sie orientiert sich dabei an der Entwicklung der Tariflöhne. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes könnte die Lohnuntergrenze von 2019 an um 35 Cent auf 9,19 Euro steigen.

Die Mindestlöhne sind in der Europäischen Union laut einer Studie zuletzt kräftig angehoben worden, im Schnitt um 4,4 Prozent. Da die Inflation wieder anzog, legten die Mindestlöhne real weniger kräftig zu, im Mittel um 2,8 Prozent. In Deutschland hätten die Bezieher des Mindestlohns hingegen zuletzt einen leichten Reallohnverlust hinnehmen müssen, heißt es in der WSI-Studie. Ihre Kaufkraft ist also nach Abzug der Teuerungsrate gesunken.

Nach wie vor sei in vielen EU-Ländern der Mindestlohn gemessen am gesamten Lohnniveau niedrig, schreiben die Forscher. Das zeigt ein Blick auf den Medianlohn. Dabei handelt es sich um den Verdienst, der genau in der Mitte der Verteilung liegt, bei dem also die eine Hälfte der Erwerbstätigen mehr und die andere Hälfte weniger verdient. In Deutschland lag der Mindestlohn 2016 bei knapp 47 Prozent des Medianlohns - und damit "deutlich unter der Niedriglohnschwelle", heißt es in der Studie. 13 der 22 EU-Länder kamen auf höhere Werte, allen voran Frankreich, aber auch Portugal oder Polen.

Die höchste Lohndynamik beobachten die Tarifexperten der Hans-Böckler-Stiftung in den mittel- und osteuropäischen EU-Ländern. Sie hätten die Lohnuntergrenzen zuletzt um mindestens fünf Prozent, zum Teil auch zweistellig erhöht. In den west- und südeuropäischen Mitgliedsländern reichten die Anhebungen der Untersuchung zufolge von 1,2 Prozent in Frankreich bis mindestens vier Prozent in Spanien, Portugal und Großbritannien.

Die südeuropäischen EU-Staaten setzen Lohnuntergrenzen zwischen 3,39 Euro in Griechenland und 4,46 Euro in Spanien. In den meisten mittel- und osteuropäischen Staaten sind die Mindestlöhne noch deutlich niedriger. So müssen etwa in Polen jetzt umgerechnet mindestens 2,85 Euro pro Stunde bezahlt werden, in Tschechien 2,78 Euro und in Rumänien 2,50 Euro. Allerdings seien in diesen Ländern auch die Lebenshaltungskosten niedriger, erläuterten die Studienautoren.