Kultur
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Der kalifornische Dickens
Der US-amerikanische Kult-Autor T. C. Boyle wird 70 Jahre alt
Frankfurt, Essen (epd). Sarkasmus, Comedy und schwarzer Humor - das ist "meine Art, mit Hoffnungslosigkeit und Tragödien umzugehen", bekennt der US-amerikanische Kult-Autor T. C. - Tom Coraghessan - Boyle. Am 2. Dezember wird er 70 Jahre alt.

"Seine besten Geschichten öffnen nicht nur die Augen, sie lassen den Leser hören, riechen und fühlen", lobte ihn einmal die "New York Times". Punk-Autor Boyle, der meist mit Baseballmütze, grellen Hemden und Silberschmuck unterwegs ist, lebt mit Ehefrau Karen Kvashay und drei Kindern in Kalifornien. Geboren wurde er 1948 in Peekskill im US-Bundesstaat New York.

Sein größtes Publikum nach dem in den USA hat er in Deutschland. Sein Roman "Hart auf hart", übersetzt von Dirk van Gunsteren, erschien 2015 sogar zwei Monate vor dem Original auf Deutsch. Darin erkundet Boyle die dunkle Seite der USA, mit Blick auf Waffengewalt und den Zerfall des moralischen Wertesystems - eine Art Zerrspiegel des amerikanischen Traums.

Sein zuletzt erschienener Roman "Die Terranauten" handelt von einem Biosphären-Experiment Anfang der 90er Jahre in Arizona: Vier Frauen und vier Männer sind zwei Jahre lang in einem geschlossenen Ökosystem völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Damit sollten Erkenntnisse für die bemannte Raumfahrt gewonnen werden. Das Projekt scheiterte. "Boyle verwandelt die Geschichte in eine Reality-Show, aus der es für die Kandidaten kein Entkommen gibt", so beschrieb es der dtv-Verlag: "Missgunst, Neid, Eifersucht befeuern die acht."

In einem ARD-Interview mit dem Literaturkritiker Denis Scheck beschrieb Boyle einmal seinen Arbeitsstil: "Ich entwickele ein Szenario, folge dem und bin selbst gespannt, wie sich die Dinge bis zum Schluss entwickeln." Sich selbst bezeichnete er als Glückskind. "Ich habe herausgefunden, dass ich einer der glücklichsten Menschen bin, der je auf diesem Planeten gelebt hat, denn ich habe ein Talent erhalten, das Talent, Kunst zu schaffen", sagte der fast zwei Meter große, schlaksig und asketisch wirkende Autor in der Sendung "druckfrisch".

Was die Zukunft der Menschheit angeht, bleibt Boyle jedoch pessimistisch: "Mit dem sprunghaften Anstieg der Erdbevölkerung nimmt die Umweltzerstörung zu. Wir sind dem Untergang geweiht, eine Tierart, die auf ihr Aussterben zurennt." Dieses Szenario beschreibt er in apokalyptischen Bildern etwa im Roman "Wenn das Schlachten vorbei ist" von 2012.

Boyle legt Risse in der Fassade der modernen Wohlstandswelt offen. Sein Lebensthema ist der Konflikt zwischen Mensch und Natur sowie zwischen Schicksal und Freiheit des Einzelnen - oft geht es um die Zukunft der Menschheit schlechthin. Er behandelt Themen wie Klimawandel, Datenschutz oder den Erhalt der Demokratie. Am aktuellen US-Präsidenten Donald Trump lässt er kein gutes Haar.

Boyle wird oft mit Charles Dickens (1812-1870) verglichen. "Ich nehme das als Kompliment", sagte er in einem Interview. Tatsächlich verstehe er sich wie der große englische Romancier als sozial engagierter, populärer Vielschreiber. Er wolle seine Leser mit bizarren Handlungen und noch seltsameren Charakteren überraschen, erklärte Boyle.

Seine Doktorarbeit schrieb er über englische Literatur des 19. Jahrhunderts. Als Professor lehrt er kreatives Schreiben - ein Fach, das er wirklich beherrscht. Bereits sein erster Roman "Wassermusik" (1982) wurde zum großen Erfolg. Darin verfolgt er den exzentrischen schottischen Entdecker und Afrikareisenden Mungo Park (1771-1806) auf der Suche nach dem Verlauf des Niger. Mit "Talk, Talk" (2006) widmet sich Boyle dem Diebstahl von Identität.

"Riven Rock" (1998) - meisterhaft ins Deutsche übersetzt von Werner Richter wie viele Boyle-Romane - ist einer seine bizarrsten, beklemmendsten Geschichten. Protagonist ist der steinreiche Erbe Stanley McCormick, der wegen sexueller Wahnvorstellungen zeitlebens weggesperrt werden muss, auch um seine eigene Frau zu schützen.

Er sei daran interessiert, wie die Vergangenheit in die Gegenwart hineinspielt, erklärte Boyle. "Ich habe wirklich Spaß an unseren uralten universalen menschlichen Marotten", schrieb er auf seiner Homepage. Beispiel sei der Roman "Willkommen in Wellville". Im luxuriösen Sanatorium von John Harvey Kellogg, Erfinder der Cornflakes, geht es um das Verlangen nach ewiger Jugend und Gesundheit.

Der neue Roman "Das Licht" erscheint Ende Januar 2019 zuerst in Deutschland, dann erst in Amerika. Im Februar ist Boyle auf Lesetour in Deutschland, unter anderem in Essen, Frankfurt und München.

"Das Licht" verspricht ein neues furioses Boyle-Leseerlebnis. Es geht um die psychedelische Droge LSD. "Ein kreischend greller Trip an die Grenzen des Bewusstseins und darüber hinaus", wirbt der Hanser-Verlag. Boyle verarbeitet darin eigene Erfahrungen. Mittlerweile habe die "Sucht nach Schreiben" seinen früheren Drogenkonsum abgelöst, wie T. C. Boyle selbst sagt: "Schreiben ist mein Trost."

Von Stephan Cezanne