Kultur
© epd-bild / Oliver Dietze
Den Menschen und ihrer Erinnerung gerecht werden
Völklinger Hütte präsentiert Installationen zu Zwangsarbeitern
Völklingen (epd). Constant Van de Wiele, Jules Arroeuy, Rosa Genuizzi, Olga Kreschanowskaja - eine Aufzählung. Ein lautes und durchdringendes Flüstern. In der Mitte ein Kleiderberg aus schwarzen Jacken und Hosen, beleuchtet von einer Deckenlampe. Auf dem Weg dorthin stehen meterhohe Aktenschränke, die eine Lichtung ergeben. Der französische Künstler Christian Boltanski will so an die Zwangsarbeiter während der zwei Weltkriege in der Völklinger Hütte erinnern. Seit dem 01.11. ist seine Installation "Die Zwangsarbeiter" dauerhaft als Erinnerungsort im Weltkulturerbe zu sehen.

"Die Industriekultur in allen europäischen Ländern war keine unschuldige Kultur", sagt Generaldirektor Meinrad Maria Grewenig. Überall habe es menschenverachtende Unterfangen gegeben. Auch in Völklingen. In Zusammenarbeit mit der Historikerin Inge Plettenberg hat die Völklinger Hütte nun ein Buch zur Situation der Zwangsarbeiter herausgegeben. Demnach waren es insgesamt 12.393 Männer, Frauen und Kinder. Mehrheitlich handelte es sich um Menschen aus Frankreich, Italien, Polen und den besetzten Westgebieten der damaligen Sowjetunion. 261 ausländische Arbeitskräfte starben, darunter 60 Kinder.

"Ab sofort gibt es keine Hüttenführung mehr ohne das Thema Zwangsarbeit", erklärt Grewenig. Und auch die Besucher kommen automatisch an der Installation Boltanskis vorbei. Ein gläserner Boden im Unesco-Besucherzentrum lässt den Blick zudem automatisch auf die Aktenschränke von "Die Zwangsarbeiter" wandern. Eine weitere Etage tiefer befindet sich die Dokumentation der Forschung.

Die Untersuchungen Plettenbergs hätten Fragen aufgeworfen, die weiterer Klärung bedürften, sagt der Generaldirektor. Schwierig sei vor allem die Auflistung der Namen gewesen, da viele russische Namen vom kyrillischen Alphabet irgendwie ins lateinische übertragen worden waren. Die Konsequenz: Gleiche Namen, gleiche Geburtsorte und gleiche Geburtstage für einige der osteuropäischen Zwangsarbeiter. Alle Namen sind in einem Buch veröffentlich und sollen kostenlos auf der Internetseite der Völklinger Hütte zum Herunterladen angeboten werden.

"Das Sprechen der Namen gehört wesentlich zum Erinnerungsort dazu", sagt Grewenig mit Blick auf die Installation. So gehe es Boltanski darum, die Menschen wieder sichtbar zu machen, die in der Völklinger Hütte zur Arbeit gezwungen wurden. Der Besucher müsse im Gegensatz zu einem Gemälde in das Werk hineintreten und es erfahren, betont der Generaldirektor. Denn die Faktenaufbereitung sei zwar eine Sache, doch die Erfahrung, das Empfinden umso wichtiger. "Denn die Menschen bestehen ja nicht nur aus Hirn."

Es gehe darum, zu versuchen sich mit den Zwangsarbeitern wieder zu versöhnen, erklärt Grewenig. In Zusammenarbeit mit der Landesarbeitsgemeinschaft Erinnerungsarbeit im Saarland (LAG) sei ein umfängliches Vermittlungsprogramm geplant. Auch die Forschung gehe weiter.

Werke von Boltanski wurden bereits dreimal auf der documenta in Kassel gezeigt. 2011 füllten seine Rauminstallationen den französischen Pavillon der 54. Internationalen Kunstbiennale von Venedig. Er stellt seine Werke in New York, London und Paris aus. Über ein Jahr liegt der Planungsbeginn für die Installation in Völklingen zurück. Während seiner vielen Besuche im Weltkulturerbe entschied sich der Künstler noch eine weitere Installation zu realisieren. Unter dem Titel "Erinnerungen" widmet sie sich den regulären Arbeitern der Völklinger Hütte. Sie ist bis zum 31. August 2019 in der Erzhalle zu sehen.

Wie eine Art Labyrinth sind dort 91 historische Arbeiterspinde bei dämmrigen Licht angeordnet. Manche sind aus Holz, andere aus Metall, einige rostig, verwittert. An dem einen oder anderen Spind kleben auch noch Werbeaufkleber: Etwa ein Pin-Up-Girl oder das HB-Männchen, welches davor warnt an die Decke zu gehen. Auch hier sind Stimmen zu hören. Aber anstelle eines Flüsterns sind es die früheren Arbeiter, die aus ihrem Alltag, von ihrem Schichtdienst berichten. Ein etwas anderer Blick in die Vergangenheit.

Von Marc Patzwald