Kultur
Die syrischen Kulturstaetten nach dem Krieg wieder in Ordnung zu bringen, das ist das Ziel von Jumana al-Asaad.
© epd-bild / Jarek Pech
"Unser Kulturerbe ist unsere Identität"
Syrische Doktorandin aus Heidelberg erforscht orientalische Siedlungsgeschichte im Irak
Heidelberg/Sulaimania (epd). Vor zehn Jahren beschloss die Syrerin Jumana al-Asaad, Deutsch zu lernen. Damals, im August 2008, assistierte sie deutschen Archäologen, die in einer Ausgrabungsstätte im Nordosten Syriens arbeiteten. In ihrer Heimat war noch Frieden und ihr Ziel war es, das syrische Kulturerbe zu erforschen und zu erhalten. Sie beobachtete die Deutschen und lernte.

"Das war der Anfang", erinnert sie sich heute. Die 29-Jährige hat einen Teil ihres Traums erfüllt: Sie ist selbst Archäologin und schreibt an der Universität Heidelberg ihre Doktorarbeit. Nach Syrien zurück kann sie noch nicht. Doch für die Feldforschung ist sie für einige Monate im Irak, im Norden, wo die Kurden ihre Autonomieregion haben.

Die Doktorandin wohnt in einem traditionellen Haus in orientalischem Stil mit kleinem Innenhof in der Stadt Sulaimania. Täglich registriert und katalogisiert sie Keramiken aus der Frühbronzezeit im dritten Jahrtausend vor Christus. Sie stammen vom Siedlungshügel Bakr Awa unweit der iranischen Grenze, wo einst eine altorientalische Großstadt war. "Von zwölf großen Kisten habe ich die Hälfte schon ausgewertet", sagt sie.

Al-Asaad ist eine von insgesamt 221 syrischen Studenten, die zum Wintersemester 2015/16 mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) angefangen haben, an einer deutschen Hochschule zu studieren. Sie war Teil des bislang einmaligen Programms "Führungskräfte für Syrien", das überwiegend vom Auswärtigen Amt finanziert wurde.

Für die Syrerin aus Aleppo war das Stipendium eine wichtige Chance. Sie kam mit Peter Miglus in Kontakt, der als Professor am Institut für Ur- und Frühgeschichte und Vorderasiatische Archäologie der Universität Heidelberg lehrt. Seit Jahrzehnten ist der Wissenschaftler an Ausgrabungen in Syrien und im Irak beteiligt. Im Irak untersuchte er Wohngebiete in der altbabylonischen Stadt Schaduppum (erste Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr.) und im neuassyrischen Assur (erste Hälfte des 1. Jahrtausends v. Chr.). In den vergangenen Jahren erforschte er den Fundort Bakr Awa, an dem al-Asaad derzeit ist, von der Frühbronzezeit bis zur osmanischen Periode.

In Kürze wird Miglus wieder in den Nordirak reisen. Sein Ziel ist ein Ort, an dem die Zerstörungswut der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) etwas Antikes ans Licht gebracht hat: Nachdem die Dschihadisten 2014 eine berühmte Moschee mit dem Grab des Propheten Jona in Mossul sprengten, stießen sie auf den einstigen Palast des assyrischen Großkönigs Asarhaddon, der das neuassyrische Reich vor rund 2.700 Jahren regierte. Sie gruben unter den Schrein-Trümmern Tunnels, um in die antike Stätte zu gelangen und sie zu plündern.

"Dass dort ein Palast war, wusste man schon seit dem 19. Jahrhundert. Aber wegen der Moschee, hinter der auch ein Friedhof war, konnte nicht gegraben werden", sagt Miglus. Jetzt gebe es die einmalige Chance, die Stätte weiter zu erforschen. "Dort gibt es zahlreiche Steinplatten mit Keilschrift von drei verschiedenen assyrischen Königen und auch der Thronsaal wurde gefunden", erläutert der Forscher, der dort im April mit ersten Arbeiten begonnen hat.

Seine Doktorandin al-Asaad wird sich daran nicht beteiligen können. Sie hat von den irakischen Behörden keine Genehmigung bekommen und ärgert sich. Sie sei die einzige aus dem Team, die das Visum nicht erhalten habe. "Nur weil ich einen syrischen Reisepass habe, kann ich nicht bei diesem wunderbaren Projekt dabei sein." Im kurdischen Nordirak habe sie hingegen nie Visa-Probleme gehabt.

In ihre Heimat Syrien will al-Asaad unbedingt zurück, wenn der Krieg vorbei ist. Seit sie ein Kind war, habe ihr Vater sie auf die Zitadelle von Aleppo hinauf genommen. Er habe in ihr die Liebe zur syrischen Kulturgeschichte geweckt. Ihr Wunsch ist es nun, sich am Wiederaufbau der vom IS verwüsteten antiken Stätte Palmyra zu beteiligen. Sie wolle ihre Erfahrung auch nutzen, um syrische Archäologen zu trainieren.

Es gebe Menschen Hoffnung, wenn sie sähen, dass die Kulturstätten wieder in Ordnung gebracht würden. "Sie glauben, dann wird ihr Leben auch wieder in Ordnung kommen." Das Kulturerbe sei Syrern immer wichtig gewesen, sagt sie. "Es ist unsere Identität." (1727/06.08.2018)

epd bas/lbm bbi

Von Mey Dudin (epd)