Soziales
Sich einmischen für Hilfebedürftige
Buch porträtiert die Diakonie-Juristin Antonie Kraut
Stuttgart (epd). Helmut Mäule, früherer Geschäftsführer der Evangelischen Heimstiftung in Stuttgart, stellt fest: "Ob die Menschenwürde geachtet wird, ist keine Geschmacksfrage." Das gelte beispielsweise beim Umgang mit Senioren. "Ob alte Menschen arm und ausgeschlossen sind und eben Pech haben oder ob sich die Gemeinschaft für sie mitverantwortlich weiß, ist keine Frage der persönlichen Präferenz. Das ist eine Frage der Moral." Mit diesen Worten charakterisiert er den Kern von Leben und Wirken der Stuttgarter Juristin Antonie Kraut (1905-2002). Sie habe der von ihr mitgegründeten Evangelischen Heimstiftung, heute mit rund 100 Einrichtungen einer der großen Anbieter sozialer Dienstleistungen in Baden-Württemberg, sowohl Leidenschaft für das Gute als auch Zivilcourage in die Wiege gelegt.

Die Evangelische Heimstiftung ist das "Kind" der promovierten Juristin. In einem jetzt erschienenen Buch würdigt die Heimstiftung gemeinsam mit dem Diakoniewissenschaftlichen Institut der Universität Heidelberg die "Stuttgarter Pionierin", wie es im Untertitel des schlicht "Dr. Antonie Kraut" genannten Werkes heißt. Im ersten Teil des Buches begibt sich promovierte Diakoniewissenschaftlerin Teresa Kaya auf die biografischen Spuren der Ausnahmefrau. Im zweiten schildert der promovierte Theologe Thomas Mäule, wie Krauts Wirken heute im Lebensalltag der Heimstiftung zu sehen ist.

Sie habe sich gern der Mammutaufgabe bestellt, die Erinnerung an die von vielen Menschen als "Grande Dame" der Diakonie geschilderte Antonie Kraut aus Quellen und Zeitzeugengesprächen zu konservieren, schreibt Kaya über ihre Arbeit am Buch. Ihr erscheine die Diakonie-Juristin bis heute präsent in den Spuren, die sie hinterlassen hat.

Kaya schildert Antonie Krauts Entwicklung ab deren Kindertagen. Wie sie als jüngere Schwester von vier Brüdern lernte, sich durchzusetzen, und das später nutzte, um Menschen in Not zu helfen. Wie sie das vielfältige ehrenamtliche und politische Engagement ihrer Eltern wie selbstverständlich übernahm und nie sich, sondern die anstehenden Aufgaben in den Mittelpunkt stellte.

Ihre Bewährungsprobe und - aufgrund ihres klugen Handelns darin - ihre Karriere begann im Zusammenbruch bei Kriegsende und in den ersten Nachkriegsjahren. Die Juristin und Tochter aus gutem Hause sah sich das Elend nicht nur aus der Ferne an, sondern schaute genau hin und suchte dort nach Lösungen, wo sie her kommen mussten: bei den politisch und kirchlich Verantwortlichen. Die holte sie stets ins Boot, wenn sie etwas bewegen wollte. Sie fand ein Dach über den Kopf für ungezählte junge und alte Flüchtlinge und sie legte Spuren für eine funktionierende Diakonieverwaltung, deren Teil sie selbst lange war. Dabei setzte sie immer auf Mitstreiter, nicht nur aus der eigenen Kirche, sondern auch in der Ökumene.

Thomas Mäule überschreibt das erste Kapitel des Blicks in die Gegenwart mit "Wurzeln spüren - Neues wagen". Was auch als Motto über Antonie Krauts Leben gestanden haben könnte, sieht er eben so wie Heimstiftungs-Hauptgeschäftsführer Bernhard Schneider als die Basis des Sozialunternehmens heute. In den Grundsätzen, zu denen es sich und seine Mitarbeitenden verpflichtet, schwingen Krauts Werte mit.

"Wir lassen den Bewohner unseren Respekt und unsere Wertschätzung spüren", steht da, oder "wir bevormunden niemanden". Die großen Worte werden auch klein übersetzt: "Wir klopfen an und warten auf Einlass" oder "wir pflegen Geräte, Kleidung und Räume, damit eine einladende Ordnung entsteht". Die Saat Antonie Krauts geht auf und wird gepflegt von Haupt- und Ehrenamtlichen, von der Küchenchefin bis zum Hauptgeschäftsführer, dokumentiert Mäule. (0235/27.01.2019)

Von Susanne Müller (epd)