Medien
"Kulturelle Integration ist bei der Hälfte der Muslime gescheitert"
Journalist Joachim Wagner fordert Moratorium für Gespräche mit muslimischen Verbänden
Freiburg/Hamburg (epd). Er schrieb ein vielbeachtetes Buch über islamische Paralleljustiz - nun liegt mit "Die Macht der Moschee. Scheitert die Integration am Islam?" (Herder-Verlag) ein neues brisantes Buch von Joachim Wagner vor. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) spricht der Hamburger Jurist und ehemaliger stellvertretender Leiter des ARD-Hauptstadtstudios von Schulen, die bei der Integration überfordert sind und von Muslimen, die sich ihren Herkunftsländern verbundener fühlen als Deutschland.

epd: Herr Wagner, soeben ist Ihr neues Buch mit dem Titel "Die Macht der Moschee" erschienen. Welche Macht haben Moscheen bei uns in Deutschland?

Wagner: Der Titel ist ein Bild für den starken Einfluss des Islam auf den Alltag religiös-konservativer und fundamentalistischer Muslime in Deutschland. Die muslimische Landschaft in Deutschland ist bis heute ein Spiegelbild der religiösen Verhältnisse in den Heimatländern. Deshalb hat die Re-Islamisierung der Länder im Nahen und Mittleren Osten auch das Leben der Muslime bei uns islamisiert.

Die wichtigste Folge: Die Religiosität der Muslime in Deutschland hat zugenommen. Durch diesen epochalen Veränderungsprozess sind auch Macht und Einfluss der Moscheen in Berlin-Neukölln und Duisburg-Marxloh gewachsen.

epd: Sie stellen die Frage: Scheitert die Integration am Islam? Wie lautet Ihre Antwort?

Wagner: Die zentrale These des Buches ist, dass diese kulturelle Integration bei mindestens der Hälfte der Muslime gescheitert ist. Messlatten für dieses Urteil sind das Wahlverhalten der Deutschtürken beim Referendum über Erdogans Präsidialdiktatur, religiöse Orientierungen und Integrations-Indikatoren wie Familiensprache, Kontakte zur Mehrheitsgesellschaft sowie Akzeptanz unserer Wert- und Rechtsordnung. Alle Thesen belegt das Buch mit Statistiken, empirischen Studien oder Meinungsumfragen.

Zum Beispiel glaubt nach Umfragen mehr als die Hälfte der Muslime ihrer Heimat in der Türkei, dem Irak oder Afghanistan näher zu stehen als Deutschland. Bei keiner anderen Migrantengruppe ist die Distanz zur Bundesrepublik größer als bei den Muslimen. Die Verantwortung für dieses Scheitern liegt in erster Linie bei den Muslimen, in zweiter Linie aber auch bei der Politik, die die Bedeutung von Religion und Kultur im Islam unterschätzt hat, und bei Teilen der deutschen Zivilgesellschaft mit ihrer muslimfeindlichen Einstellung.

epd: Eine These in Ihrem Buch ist, dass die kulturelle Integration der muslimischen Migranten bisher unterschätzt wurde. Was ist damit genau gemeint?

Wagner: In der zunehmend areligiösen deutschen Gesellschaft hat den meisten Politikern und Bürgern die Vorstellungskraft gefehlt, wie vital und lebendig der Glaube an Allah in religiös-konservativen und fundamentalistischen muslimischen Milieus hierzulande ist. Hinzu kommt, dass die kulturellen und religiösen Aspekte der Zuwanderung im öffentlichen Diskurs von den muslimischen Verbänden, der Politik und der Zivilgesellschaft tabuisiert worden sind. Die muslimischen Verbände haben stets versucht, alle negativen Ausprägungen des Islam möglichst weit von Religion und Kultur wegzurücken, zum Beispiel den IS-Terror für unislamisch zu erklären.

Und Politiker und Bürger wollten nicht das Risiko eingehen, durch Kritik am Islam in die rechte Ecke gestellt zu werden. Wenn ein gesellschaftliches Phänomen tabuisiert ist, fällt es schwer, seine Tragweite richtig einzuschätzen.

epd: Sie haben selbst mit vielen Lehrern und Schülern bundesweit gesprochen und viele Studien ausgewertet: Wie kann die Leistung der "Integrationsagentur Schule" verbessert werden?

Wagner: Dazu müssen wir Schulen entlasten und aufrüsten: Wir brauchen mehr und für interkulturelles Unterrichten besser ausgebildete Lehrer, Sozialarbeiter und Erzieher. Diese Forderung ist leider schwer umzusetzen, weil hierfür das Personal fehlt. Schulen in sozialen Brennpunkten und gemischten Wohngebieten sind heute bei ihrem Mehr-Fronten-Kampf überfordert. Die Herausforderungen von Zuwanderung, EU-Binnenwanderung, Inklusion, Mangel an Disziplin, Übernahme zusätzlicher Erziehungsaufgaben, schwierige Zusammenarbeit mit Eltern und Extremismusprävention sind nicht gleichzeitig zu bewältigen.

epd: Sie fordern auch, die Inklusion in den Schulen genau anzuschauen …

Wagner: Ja, wir müssen überprüfen, ob die Inklusion die Grenzen des Möglichen und Sinnvollen überschritten hat und sie gegebenenfalls zurückführen, womit einige Bundesländer bereits begonnen haben. Und wir müssen die Zuwanderung noch stärker als bisher begrenzen. In der Bildungsforschung ist anerkannt, dass ab einem Anteil von 40 Prozent von Schülern mit nichtdeutscher Herkunftssprache das Leistungsniveau aller Schüler sinkt. Diese Schwelle war nach dem IQB-Bildungstrend 2016 bei knapp einem Viertel aller Schulen bereits vor der Grenzöffnung überschritten. Die Schulen sind die Hauptleidtragenden der neuen Zuwanderungswelle.

epd: Mit Blick auf die Zusammenarbeit mit muslimischen Verbänden fordern Sie eine "Revision der Beziehungen". Was bedeutet das konkret?

Wagner: Recherchen zu dem Buch "Die Macht der Moschee" haben ergeben, dass die Abhängigkeiten bzw. Einflüsse der Heimatländer auf die muslimischen Verbände hierzulande stärker sind als bisher gedacht. Obwohl das Bundesinnenministerium seit elf Jahren in der Islamkonferenz mit den muslimischen Verbänden an einem Tisch sitzt, hat sie bis heute keinen Einblick in deren Finanzlagen, die internen Machtverhältnisse und ihre religiösen und personellen Verbindungen zu den Mutterorganisationen im Ausland.

Deshalb brauchen wir in der Zusammenarbeit mit den muslimischen Verbänden mehr Transparenz und weniger Abhängigkeit von den Heimatländern. Solange diese Beziehungen nicht transparent sind, sollte es ein Moratorium für alle Gespräche zwischen Regierungen und muslimischen Verbänden geben. Trotz dieser Denkpause ist es unverzichtbar, dass die Gesprächsfäden - auch im interreligiösen Dialog - nicht abreißen. Denn das würde zur Folge haben, dass sich die islamischen Verbände und ihre Mitglieder weiter isolieren und von der deutschen Mehrheitsgesellschaft entfernen. (0371/19.02.2018)

epd lbw kub bbi

epd-Gespräch: Judith Kubitscheck