Kultur
Einsamkeit und das Geheimnis der Freundschaft
75 Jahre "Der Kleine Prinz" - Berliner Autorin erzählt Bestseller für Kinder nach
Berlin/Düsseldorf/Leipzig (epd). Es ist ein Weltbesteller: "Der kleine Prinz" des französischen Schriftstellers und Piloten Antoine de Saint-Exupéry (1900-1944) wurde millionenfach verkauft. Zitate wie "Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar" haben sich ins kulturelle Gedächtnis eingebrannt. Die Illustrationen für das philosophische Märchen stammen von Saint-Exupéry selbst: ein zarter, blonder Junge mit grünem Hosenanzug. Nun wird "Der Kleine Prinz" 75 Jahre alt. Am 6. April 1943 erschien die Erstausgabe in New York. Nur ein gutes Jahr später kehrte Saint-Exupéry von einem militärischen Aufklärungsflug über dem Mittelmeer nicht zurück.

Zum Jubiläum wird der Klassiker in Deutschland erstmals mit einer eigenständigen Erzählung für Kinder geehrt. Zum Auftakt der Leipziger Buchmesse erscheint am 14. März "Kinder, wenn Euch der kleine Prinz begegnet" der deutsch-französischen Autorin Isabel Pin.

Wer jemals versucht hat, jungen Lesern aus dem Original vorzulesen oder sie selber lesen zu lassen, kennt die Schwierigkeiten: Kinder finden nur selten einen leichten Zugang zu dem Buch. Zu facettenreich ist die Geschichte um den kleinen Helden vom Asteroiden mit den Affenbrotbäumen, der eine Rose besitzt, die er hegt und pflegt und dann verlässt, und der später auf der Erde einen Fuchs trifft, der ihm ein Geheimnis über das Leben verrät.

Deswegen war 1950 die erste deutsche Ausgabe - die Originalübersetzung stammt von Grete und Josef Leitgeb - auch noch mit einer Papierbanderole erschienen, die den expliziten Hinweis trug: "Das ist kein Kinderbuch". Es sei eine wiederkehrende Fehldeutung, dass Bücher "nur weil sie von kleinen Wesen handeln, Kinderbücher sind", erklärt der Verlagsleiter des Düsseldorfer Karl-Rauch-Verlags, Hans-Gerd Koch. Der "Kleine Prinz" im Original sei jedoch keine "putzige Erzählung für die Kleinen".

Erst mit mehr Lebenserfahrung könnten viele Leser das Plädoyer für Menschlichkeit und Freundschaft erkennen, das im "Kleinen Prinzen" stecke, ebenso wie die Kritik am gesellschaftlichen Werteverfall. Saint-Exupérys deutscher Stammverlag hat sich ganz gezielt für Isabel Pin entschieden, um solche philosophischen Grundideen nun erstmals wirklich kindgerecht zu erzählen.

Begeistert war die 43-jährige Wahlberlinerin und Mutter zweier Kinder über die exklusive Herausforderung zunächst nicht. "Ich hatte große Hemmungen", räumt sie ein. Sie rechnet damit, dass "super viele Leute" es als "Skandal" empfinden werden, dass sie nun eine eigenständige Version neben Saint-Exupérys Bestseller stellt.

Wie im Original kommen in Pins Erzählung der kindliche Protagonist sowie seine Rose, der Fuchs und die Schlange vor. Auch seine Landung auf der Erde und die Perspektive des in der Wüste gestrandeten Ich-Erzählers sind enthalten. Doch während Saint-Exupérys Original im Deutschen rund 15.000 Wörter umfasst, besteht Pins Fassung nur aus 5.300 Wörtern. Wichtig sei ihr gewesen, von der Einsamkeit zu erzählen, "der Suche nach Freundschaft und der Begegnung mit Menschen, die nicht böse oder gut sind, sondern höchstens sonderbar", betont die Autorin.

Am Ende weicht Pin allerdings deutlich vom Original ab. Der kleine Prinz - der bei Saint-Exupéry womöglich Suizid begeht und in den Wüstensand fällt - fliegt in der neuen Fassung hoch in den Himmel zu seinem Heimatplaneten und seiner Rose zurück. Die Möglichkeit, dass er jederzeit wieder auf die Erde zurückkehrt, bleibt gewahrt. Somit erklärt sich auch der Titel von Pins neuer Erzählung "Kinder, wenn Euch der kleine Prinz begegnet".

Rund 18 Millionen deutsche Exemplare wurden bisher nach Angaben des Rauch-Verlags verkauft. Der Aufruf, sich menschlich zu verhalten und "die Dinge im Blick zu behalten, die uns Menschen zu besonderen Wesen machen", sei zeitlos und habe seine Gültigkeit auch unter wechselnden gesellschaftlichen Bedingungen, erklärt Verlagsleiter Koch.

So zeigte sich erst kürzlich im Fall des für ein Jahr in der Türkei inhaftieren Journalisten Deniz Yücel, welche aktuelle Kraft der Literaturklassiker auch heute haben kann: Weil Yücel im Gefängnis zunächst Stift und Schreibpapier verwehrt wurden, nutzte der Journalist eine Ausgabe des "Kleinen Prinzen". Die Botschaft des Buches ist auch in der Türkei offenbar unstrittig. Für Yücel bot das illustrierte Werk genug Raum für eigene Notizen, die er versteckt aus dem Gefängnis schmuggeln und mit denen er der Öffentlichkeit über seine Haft berichten konnte.

epd ost cxm mg

Christine Xuân Müller (epd)