Kultur
Brachiosaurus-Hack
Künstlerduo kritisiert mit "Not a Single Bone" koloniale Perspektive des Naturkundemuseums - Virtuelles Museum in Tansania geplant
Berlin (epd). Der Tendaguru-Hügel ist eine mystische Stätte im Südosten Tansanias. "Noch heute finden dort spirituelle und heilende Rituale der Dorfgemeinschaft statt, auch mit Einsatz der Fossilien", erklärt die Künstlerin Nora Al-Badri, die Anfang 2017 zusammen mit Nikolai Nelles einen Monat lang vor Ort recherchierte. Mit den Fossilien sind 150 Millionen Jahre alte Zeugnisse von Dinosauriern gemeint: 1909 bis 1913 bargen Berliner Paläontologen am Tendaguru-Hügel 250 Tonnen Knochen, darunter das Skelett eines Brachiosaurus. Seit 1937 steht dieses im Naturkundemuseum und zieht Besucher aus aller Welt an. Und verärgert das Künstlerduo, das eine anhaltend koloniale Perspektive von Museen kritisiert. Thematisiert wird dies ab Freitag in der Ausstellung "Not a Single Bone" in der Galerie NOME.

Nicht die deutschen Wissenschaftler hätten die Saurierknochen in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika "gefunden", sagt Nelles. "Die Einheimischen lebten über Jahrhunderte mit den riesigen und zum Teil gut sichtbaren Knochen, sie gruben sie nur nicht aus." Al-Badri und Nelles wollen die Frage nach dem Besitz kultureller Artefakte neu diskutieren sowie die Geschichte des Brachiosaurus aus der Perspektive der einheimischen Bevölkerung erzählen. "Bis heute hat niemand die Menschen, die dort leben, nach ihrer Beziehung zu den Fossilien gefragt", sagt Al-Badri. Um Rückgabeforderungen, mit denen sie in Tansania zwar konfrontiert worden seien, geht es den Künstlern aber nicht.

In der Schau werden Installationen, Videos, Drucke und Objekte gezeigt. Basis ist nach Angaben der Künstler ein 3D-Datenscan des Berliner Skeletts, von dem sie nicht preisgeben, woher dieser stamme. Aus den "gefundenen" Daten des Saurieroberschenkels erstellten die Künstler aus Gips eine große Replik "in Museumsqualität". 30 Prozent des Brachiosaurus seien übrigens nie gefunden worden, auch das rund 13 Meter hohe Exponat des Naturkundemuseums sei das Ergebnis "kreativer Arbeit", sagt Al-Badri.

Vor zwei Jahren machte das Duo mit einer ähnlichen Nofretete-Aktion Schlagzeilen. Damals gaben sie an, die berühmte Büste im Neuen Museum heimlich dreidimensional gescannt zu haben - was das Museum indes als "unwahrscheinlich" zurückwies. Mit einem 3D-Drucker erstellten sie eine Kopie, stellten diese in Kairo aus und gaben die Daten zum Download frei. Tausende Remixe entstanden seitdem. In der Galerie NOME wird nun eine Fortschreibung der Aktion zu sehen sein, darunter der Betatest eines "Nefertiti Bots". "Die Objekte fangen selber an zu sprechen", sagt Nelles - über verdrängte Narrative und koloniale Kontinuitäten.

Mit ihrer Reihe "Fossil Futures" verstehen sich die Künstler auch als Anwälte der Einheimischen: Bei ihren Recherchen am Tendaguru-Hügel beauftragte die örtliche Gemeinschaft sie, die Knochen auf künstlerische Art und Weise zurückzubringen - und einen Weg zu finden, den Ort wieder zum Leben zu erwecken. "Wir können das, was uns die Dorfbewohner anvertraut haben, nicht einfach nur in Deutschland präsentieren", sagt Nelles. Ein von der Dorfgemeinschaft verwaltetes Naturschutzgebiet mit virtuellem Museum sei in Absprache mit den lokalen Behörden geplant: "ein virtueller Ort, den man ortsunabhängig erleben kann, und dessen Einnahmen nach Tendaguru zurückfließen".

Das Naturkundemuseums Berlin weist Kritik derweil zurück: In seinen Ausstellungen gebe es für Besucher "eine faktisch klare Auseinandersetzung mit dem Fundort Tendaguru/Tansania auf vielfältige Weise - sei es in Bildserien zur Bergung oder per Audioguide". Seit Jahren gebe es zudem sehr gute wissenschaftliche Kooperationen mit afrikanischen Ländern und Verbindungen nach Tansania. Das Museum betreibe auch Provenienzforschung, etwa mit dem vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekt "Dinosaurier in Berlin. Brachiosaurus brancai als wissenschaftliche, politische und kulturelle Ikone, 1906-2016". In dem Projekt geht es auch um Fragen der Kolonialgeschichte.

Kompromisslos gibt sich der Verein Berlin Postkolonial: "Wir fordern die Bundesregierung zu einem unverzüglichen Rückgabeangebot an die tansanische Regierung auf", sagt Vorstand Mnyaka Sururu Mboro. Das Skelett sei im kolonialen Unrechtskontext angeeignet worden. "Wir fänden es nach über 100 Jahren unfreiwilliger Überlassung auch angemessen, wenn die Bundesregierung eine Art Leihgebühr entrichten würde." Museum, Berlin und Deutschland hätten vom Dinosaurier profitiert. "In Zukunft sollen die Touristen nach Tansania reisen, wenn sie ihn sehen wollen."

epd ost nad bue

Von Nadine Emmerich (epd)