Kultur
20.000 Kilometer, 18 Länder und 5.500 Unterschriften
"The Ball" hat es zur Fußball-WM nach Moskau geschafft
Erfurt/Moskau (epd). Fair Play, Respekt, Zusammenhalt - die Regeln des Erfurter Vereins "Spirit of Football" sind einfach zu verstehen. In den zurückliegenden drei Monaten wurden sie wieder und wieder erklärt - in Schulen, Trainingscamps und in Flüchtlingslagern. Immer dabei war "The Ball". Gleich einer olympischen Fackel haben ihn zwölf Ballträger über 20.000 Kilometern durch 18 Länder nach Moskau gebracht.

Pünktlich zur Eröffnung der Fußball-Weltmeisterschaft ist das Spielgerät nun in Russland. Zum großen Finale steht am Donnerstag noch ein Treffen mit Spielern der Nationalmannschaft in der deutschen Schule an, ehe Stunden später das erste Spiel angepfiffen wird, berichtete der Präsident von "Spirit of Football", Andrew Aris, dem Evangelischen Pressedienst (epd). Aktivisten des Erfurter Vereins hatten nach seinen Worten in den vergangenen drei Monaten auf dem Ball etwa 5.500 Unterschriften gesammelt.

Als erster hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das runde Spielgerät signiert. Seit dem Start der Aktion im Londoner Battersea Park, die für Ehrlichkeit und Gleichberechtigung weit über die Grenzen des Sports hinaus wirbt, kamen unter anderem die Unterschriften von Star-Trainer Jürgen Klopp, Thüringens Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (Linke) und den Nationalspielern Matthias Ginter und Timo Werner (Deutschland) sowie Emil Forsberg (Schweden), Ante Rebic (Kroatien), Yussuf Poulsen und Jannik Vestergaard (beide Dänemark) hinzu.

Die vielen Striche in Pink, Schwarz, Gold und allen Farben des Regenbogens haben das weiße Leder in eine schmutzig-graue Kugel verwandelt. Nur noch einige Signaturen sind klar zu erkennen, schließlich ist "The Ball" vor allem eins: ein Spielgerät. Unter dem Motto "One Ball, One World" kam der Ball auf der langen Reise in Schulen, Trainingscamps und Flüchtlingslagern zum Einsatz. Doch der Kick ist nur das halbe Programm.

Mit Workshops, Diskussionsrunden und natürlich Fußball "haben wir zeigen wollen, dass es wichtig ist, miteinander zu reden, Vorurteile und Ängste abzubauen und gemeinsam etwas zu schaffen", fasst Aris die Anliegen aller Anstrengungen zusammen. Das gelte für Menschen im Kosovo, die noch vor kurzem miteinander Krieg führten, wie für Obdachlose in Kroatien oder Flüchtlinge im Libanon, mit denen gemeinsam gekickt wurde.

Zwei Begegnungen hebt der gebürtige Neuseeländer, der einst auf dem Sprung zum Profi-Fußballer stand, besonders hervor. Die eine ist die mit der deutschen Nationalspielerin Babette Peter. In vielen Kulturen würden noch immer Frauen daran gehindert, Fußball zu spielen oder überhaupt Sport zu treiben, erinnert Aris. Geschlechtergerechtigkeit sei daher auf der Ballreise 2018 - immerhin schon die fünfte seit der Premiere bei der Fußball WM in Japan und Südkorea 2002 - immer wieder ein Thema gewesen.

Am eindrücklichsten empfand Aris aber die Begegnung mit Mohamed im jordanischen Flüchtlingscamp Azraq: "Wenn ich wieder nach Hause kann, baue ich 'Spirit of Football' in Syrien auf", habe ihm der junge Mann, einer von vielen Tausenden Flüchtlingen im Lager, versprochen. Für solche Momente lohnen sich alle Anstrengungen, sagt Aris berührt.

Und auch alle Sorgen: Lange sah es so aus, als würde er mit seinem britischen Pass, die Beziehungen zwischen London und Moskau sind gerade extrem unterkühlt - nicht nach Russland einreisen dürfen. Er bekam einfach kein Visum. Mit dem Ticket für ein WM-Spiel und seiner Fan-ID ging es dann doch - auch, weil der Grenzbeamte zum Glück selbst ein "Boleltschik" war, ein Fußball-Fan.

All diese Erfahrungen und Eindrücke kommen mit nach Hause zurück. In Erfurt, aber auch anderswo in Deutschland, Europa und der ganzen Welt sollen sie in Veranstaltungen von "Spirit of Football" integriert werden und sein Fair-Play-Programm an Schulen oder in sozialen Brennpunkten bereichern, kündigt Aris an.

epd ost dl bue

Von Dirk Löhr (epd)