Soziales
Am 30.06.16 ist die "Iuventa" ins Mittelmeer ausgelaufen, um schiffbruechige Fluechtlinge zu retten.
© epd-bild / Joerg Nielsen
Seenotretter: Zahl toter Flüchtlinge im Mittelmeer steigt
Hannover (epd). Die Initiative "Jugend rettet" warnt vor einer Zuspitzung der Lage für Flüchtlinge im Mittelmeer. Die Zahl der Toten sei wieder angestiegen, sagte Christoph Stürzekarn dem Evangelischen Pressedienst (epd). Der Freiwillige engagiert sich für "Jugend rettet" und wollte am Montagabend im Rahmen eines Filmabends in Hannover über seine Erfahrungen während der Einsätze für Flüchtlinge in Seenot auf dem Mittelmeer sprechen. Die Organisation hatte mit ihrem Schiff "Iuventa", einem ehemaligen Fischkutter, eigenen Angaben zufolge rund 14.000 Geflüchtete vor dem Ertrinken bewahrt.

Das Schiff liegt seit August 2017 im sizilianischen Hafen Trapani an der Kette und darf nicht auslaufen. Die Behörden werfen dem Verein Zusammenarbeit mit Schleusern vor, was die Organisation zurückweist. Eine Anklage wurde noch nicht erhoben. "Unser Einspruch gegen die Beschlagnahmung wurde abgelehnt", sagte Stürzekarn. Derzeit würden Anklagen gegen 20 Crewmitglieder vorbereitet. Der Vorwurf lautet auf Beihilfe zur illegalen Migration. Den Seenotrettern drohen bis zu 15 Jahren Gefängnis. Gegen Stürzekarn selbst wird nicht ermittelt.

Private Seenotrettung dürfe nicht weiter kriminalisiert werden, sagte er. Als er auf der "Iuventa" unterwegs war, hatte der damals 28-jährige Wirtschaftsinformatiker die Aufgabe gehabt, sich um die Technik an Bord zu kümmern. Zuvor hatte er seinen Job gekündigt und eine anderthalbjährige Auszeit genommen, um sich sozial zu engagieren.

Er sei als Hobbysegler auf die "Iuventa" gekommen und habe den ehemaligen Fischkutter zusammen mit 20 weiteren jungen Menschen in Emden umgebaut. "Jeder hat an einer Ecke gearbeitet und sich so eingebracht, wie er das konnte - und es hat keiner infrage gestellt, dass wir es schaffen." Das Ergebnis sei eindrucksvoll gewesen. Auf zwei Seenotrettungsmissionen sei Stürzekarn mit dem Schiff mitgefahren und habe rund drei Monate an Bord verbracht.

Ebenfalls drei Monate habe es gedauert, bis er die Bilder seines ersten Toten aus den Kopf bekam. Dabei handelte es sich um einen Mann, den die junge Crew nur noch tot bergen konnte. Geholfen habe, viel mit Kollegen zu sprechen, die Gleiches erlebt hätten. "Irgendwann fühlte ich mich wieder besser." Die Zeit auf der "Iuventa" habe ihn dennoch verändert: "Mit Menschen zu tun zu haben, die nichts außer ihrem Leben und der Kleidung am eigenen Leib besitzen, lehrt Dankbarkeit."

Vorwürfe, private Seenotretter unterstützten indirekt das Geschäft der Schlepper, könne er entkräften, sagte Stürzekarn. Die Universität Oxford habe untersucht, wie viele Flüchtlinge während und nach "Mare Nostrum", dem Seenotrettungs-Programm der italienischen Marine, die Flucht gewagt hätten. Die Studie habe gezeigt, dass es während der Marineoperation weniger Flüchtlinge auf dem Mittelmeer gegeben habe. Es hätten allerdings mehr von ihnen überlebt. (1070/11.02.19)

epd-Gespräch: Cristina Marina