Kirche
Der Braunschweiger Stellmacher Theo Malchus (56) hat am 20.03.17 einen mittelalterlichen Kobelwagen auf den Waldweg neben seiner Werkstatt gerollt.
© epd-NDS / epd-bild/Peter Sierigk
Luthers Wagen-Bauer
Braunschweiger rekonstruiert historischen Kobelwagen für Wartburg-Ausstellung
Braunschweig, Eisenach (epd). Handwerker Theo Malchus stemmt sich gegen den hölzernen Wagen mit Lederplane, der sich langsam in Bewegung setzt. Laut rumpeln die riesigen, mit Eisen beschlagenen Räder über den Waldweg neben der Werkstatt. Malchus hat den Wagen in Handarbeit nachgebaut, mit dem der Reformator Martin Luther (1483-1546) vor etwa 500 Jahren durch die Lande reiste. "Es war sicherlich ohne Federung sehr hart zu fahren", schmunzelt der Braunschweiger Stellmacher. Das Gefährt wird in der bevorstehenden Nationalen Sonderausstellung "Luther und die Deutschen" auf der Wartburg vom 4. Mai bis zum 5. November zu sehen sein.

Auf der Wartburg im thüringischen Eisenach soll das Modell in einem Innenhof für Besucher zugänglich sein, sagt der Projektleiter der Ausstellung, Marc Höchner. Die Ausstellungsgäste könnten sich in den Wagen setzen und nachempfinden, wie bequem oder unbequem der Reformator Hunderte von Kilometern von Pferden gezogen durch die Lande fuhr. Zu Luthers Stationen zählten unter anderem Magdeburg, Weimar, Torgau, Eisleben, Augsburg oder Heidelberg.

Für Malchus war vor allem die Recherche für das Projekt zunächst schwierig. Als einzige Vorlage für das Gefährt diente ein Kupferstich aus dem 16. Jahrhundert. Das in seiner Werkstatt ausgebreitete Bild zeigt die vorgetäuschte Entführung Luthers auf die Wartburg am 4. Mai 1521. Unterstützer brachten den Reformator vor der Verfolgung des Kaisers in Sicherheit. "Man sieht im Hintergrund, wie der Wagen ungefähr ausgesehen haben könnte, aber man kann nicht viele Details erkennen", sagt Malchus.

Erst mit Hilfe eines Historikers aus München erstellte der 56-Jährige dann vor einem Jahr eine Skizze für einen sogenannten Kobelwagen. Der Begriff lässt sich aus dem mitteldeutschen Wort "Kobel" ableiten, der für einen Verschlag stand. Einen Entwurf für das Fahrgestell fand der Handwerker auf einer weiteren historischen Abbildung: Diese zeigt einen umgekippten Wagen eines katholischen Papstes, berichtet der Stellmacher mit einem Augenzwinkern.

Um den Wagen so originalgetreu wie möglich nachzubauen, suchte Malchus in ganz Deutschland nach Material. Das luftgetrocknete und bis zu 70 Jahre eingelagerte Eichen- und Eschenholz entdeckte er im Ammerland bei Oldenburg und in Schöppenstedt bei Wolfenbüttel. Die mehr als 100 Jahre alten Nabenringe für die Räder fand er bei einem Schlosser im Spreewald.

Malchus, der eigentlich gelernter Kunststofftechniker ist, hat sich in den 1990er Jahren den aussterbenden Beruf des Stellmachers selbst beigebracht. Mittlerweile fertigt er Gestelle für historische Automobile, Pferdewagen oder Eisenbahnwaggons für Kunden aus ganz Deutschland an. Den Luther-Wagen hat der Handwerker überwiegend mit historischen Werkzeugen gebaut. "Die Arbeitsweise im Mittelalter war eine ganz andere", sagt er. So wurden die bis zu 1,60 Meter großen Räder mit Eisenstücken beschlagen und nicht, wie in späteren Jahrhunderten, ein Ring um das Holzgestell gelegt.

Die Beschläge aus Eisen wurden von einem Metalldesigner speziell angefertigt, betont Malchus, während er auf die schwarze, raue Oberfläche deutet. Öl wurde in das Metall eingebrannt, um ihm einen "mittelalterlichen Rostschutz" zu geben. Ein Sattler nähte zuletzt per Hand aus Rindsleder eine Plane und für den Einstieg aus zwei Stufen noch einen Überwurf. Oft konnten somit noch zusätzliche Fahrgäste mitgenommen werden, sagt Malchus. "Sie saßen auf dem Wagenboden mit den Füßen auf den Stufen und dem Leder über den Knien und waren so vor Wind und Wetter geschützt."

Sehr viel Handarbeit stecke in diesem Luther-Wagen, sagt Malchus mit gewissem Stolz. Weit mehr als 1.000 Arbeitsstunden haben die Handwerker insgesamt in das etwa 2,5 Meter hohe und 4 Meter lange Gefährt investiert. Während er das Fuhrwerk wieder langsam und rumpelnd in die Werkstatt schiebt, äußert Malchus scherzhaft noch eine Vermutung: "Vielleicht hatten die damaligen Fahrgäste auch Kissen auf den Holzbänken liegen, um es bequemer zu haben." (3058/23.03.17)

Von Charlotte Morgenthal (epd)