Ethik
Die evangelische Seemannspastorin Jutta Bartling (57) uebergibt am 18.12.14 auf dem niederlaendischen Frachter „Ameland“ im Bremer Industriehafen Weihnachtsgeschenke an den estnischen Maschinisten und Chef-Offizier Igor Zhuk.
© epd-bild/Dieter Sell
Geschenke für die Weihnachtsmänner
Die Seemannsmissionen bescheren zum Fest in Häfen und an Bord
Bremen (epd). June Astavaris ist Mitte 30, sieht aber eher aus wie Mitte 50. Er kommt von den Philippinen und ist schon seit sieben Monaten auf einem Containerfrachter unterwegs. Das Schiff kann er nur selten verlassen. Die Liegezeiten im Hafen werden immer kürzer, die Sicherheitsbestimmungen strenger. Gerade jetzt zu Weihnachten schmerzt die Trennung von seiner Familie besonders. Haupt- und Ehrenamtliche der Deutschen Seemannsmission versuchen deshalb in diesen Tagen mit Geschenken und Bordbesuchen Männern wie June das Gefühl zu vermitteln: Ihr seit nicht alleine, wir denken an euch.

In den spendenfinanzierten Päckchen sind oft Telefonkarten, damit die Seeleute kostenlos nach Hause telefonieren, eine Brücke in die Heimat schlagen können. "Und auch die eingepackten Plätzchen, eine Weihnachtskarte und die anderen Geschenke lassen die Seeleute sich wieder als Mensch fühlen, lassen die Augen glänzen", sagt Clara Schlaich, Präsidentin der Deutschen Seemannsmission. Zu der Organisation mit ihrer Zentrale in Bremen gehören 16 Inlands- und 16 Auslandsstationen - und überall wird in diesen Tagen zusammen mit Seeleuten aus aller Welt Weihnachten gefeiert.

Das ist eine willkommene Abwechslung im anstrengenden und oft eintönigen Arbeitsalltag der Schiffsbesatzungen. Der Schichtbetrieb und die ständige Zeitumstellung bei Fahrten rund um den Globus machten Männern wie June Astavaris schwer zu schaffen, verdeutlicht Clara Schlaich. Als Arbeitsmedizinerin, die lange den Hafenärztlichen Dienst in Hamburg geleitet hat, kennt sie die gesundheitliche Situation der Seeleute genau. "Oft fühlt sich June nur noch wie ein bewegliches Maschinenteil auf dem Schiff", berichtet sie. "Sieben Monate an Bord bedeuten für ihn sieben Monate Trennung von Familie und Freunden."

Seine Kinder sieht er über Skype nur manchmal, wenn er in einem Hafen Internet oder einen Telefonzugang hat. "Sie reden zwar mit mir", meint er, "aber eigentlich habe ich den Eindruck, als würden sie mit einem Fremden sprechen." Die anderen Seeleute auf dem Schiff haben ähnliche Probleme, weiß Schlaich. "Doch in der Männergesellschaft an Bord spricht man nicht darüber." Die Seele der Matrosen bekomme in dieser Einsamkeit auf hoher See schmerzliche Risse.

An Weihnachten ist es besonders schlimm. "Natürlich feiert man ein bisschen an Bord", erzählt June. "Es gibt ein besonderes Essen und man schaut sich vielleicht gemeinsam einen Film an, um sich etwas abzulenken." Doch für Schlaich ist klar: "Viele denken nur sehnsüchtig an ihre Familie."

Dabei sind es die Seeleute, die dafür sorgen, dass bunte Päckchen unter die Christbäume gelegt werden können, die lange vor dem Fest auf den Weltmeeren quasi als Weihnachtsmänner unterwegs sind. "Von wegen Schlitten - die meisten Geschenke kommen per Schiff", bringt es Präsidentin Schlaich auf den Punkt.

Doch keiner der weltweit etwa 1,2 Millionen Seeleute hat während der oft monatelangen Fahrenszeit eine Adresse, an die ein Päckchen oder ein Brief geschickt werden könnte, um selbst beschenkt zu werden. Deshalb kommen in diesen Tagen Mitarbeitende der Seemannsmissionen auf die Schiffe und geben Weihnachtstüten ab. In ihren Clubs organisieren sie Weihnachtsfeiern und Andachten.

So wurden im vergangenen Jahr auf Initiative der 32 Stationen der Deutschen Seemannsmission im In- und Ausland rund 60.000 Weihnachtstüten verteilt: damit zumindest für jeden Seemann etwas Persönliches unter dem bordeigenen Weihnachtsbaum zu finden ist. (0168/20.12.18)

Von Dieter Sell (epd)