Kirche
Angesichts der dramatischen Situation von Fluechtlingen im Mittelmeer warnt die Deutsche Seemannsmission in Bremen vor einer Kriminalisierung derjenigen, die Menschen aus Seenot retten.
© epd-BAYERN / Markus Schildhauer
"Eine mentale Katastrophe"
Der Seemannsdiakon Markus Schildhauer über die Rettung Geflüchteter im Mittelmeer, bewusstes Weggucken und Suizid an Bord
Bremen, Alexandria (epd). Angesichts der dramatischen Situation von Flüchtlingen im Mittelmeer warnt die Deutsche Seemannsmission in Bremen vor einer Kriminalisierung derjenigen, die Menschen aus Seenot retten. Dazu gehörten immer häufiger Besatzungen von Handelsschiffen, sagte Seemannsdiakon Markus Schildhauer dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Kapitäne und Crewmitglieder werden als Fluchthelfer angeklagt." Sie seien aber nach internationalem Seerecht verpflichtet, Schiffbrüchige aufzunehmen. Schildhauer arbeitet in der ägyptischen Hafenstadt Alexandria und spricht dort oft mit Nothelfern.

epd: Herr Schildhauer, wie wirkt sich derzeit die EU-Politik zur Seenotrettung im Mittelmeer aus?

Markus Schildhauer: Die Fluchtrouten haben sich verändert. Im Prinzip ist das Mittelmeer zwischen Ägypten und Tripolis als Fluchtmöglichkeit gestorben. Ägypten hat vor zwei Jahren seine Grenzen komplett geschlossen. In Libyen starten auf Druck Europas auch keine Fluchtschiffe mehr. Deshalb hat sich alles ins westliche Mittelmeer verlagert. Von Tunesien, Algerien und Marokko nehmen Flüchtende auf wackeligen und überfüllten Booten Kurs auf Spanien, weil das Land momentan die liberalste Flüchtlingspolitik hat. Das heißt aber auch, dass Seeleute dort wieder öfter auf Holzplanken von untergegangenen Booten, auf Kleider, Taschen und Rucksäcken von Geflüchteten treffen. In Tunesien werden vermehrt wieder Schuhe am Strand gefunden, was man als Zeichen für untergegangene Schlepperschiffe nehmen muss.

epd: Was heißt das für die Seeleute?

Markus Schildhauer: Die stecken in einem großen Dilemma. Denn vor allem Italien hat seine Politik total geändert. Die populistische Regierung nimmt im Prinzip keine Schutzsuchenden mehr auf. Wir haben jetzt ja mehrfach den Fall, dass Schiffe, die Geflüchtete an Land bringen wollten, festgehalten werden. Kapitäne und Crewmitglieder werden als Fluchthelfer angeklagt. Aber nach internationalem Seerecht sind alle Schiffe verpflichtet, ihre Fahrt zu unterbrechen, um Schiffbrüchige aufzunehmen. Auf hoher See lässt die EU nicht nur die Flüchtlinge alleine, sondern auch die Seeleute, die Gefahr laufen, der Schlepperei bezichtigt zu werden, wenn sie retten.

epd: Wie wirkt sich das aus?

Markus Schildhauer: Für die Reedereien kostet jede Unterbrechung Geld. Reeder weisen deshalb ihre Schiffe an, die Fahrtroute zu verändern. Schutzsuchende dürfen die Besatzungen nicht sehen. Nur die deutschen Reeder schließen das aus und bevorraten sogar mit hohen Kosten Sachen zur Hilfe von Geretteten. In Gesprächen als Seelsorger in Alexandria bekomme ich mit, dass sich die Seeleute dann Vorwürfe machen: Ich hätte retten können, habe es aber nicht getan. Deshalb haben viele Männer Angst, dass sie in eine solche Situation kommen. Ein Großteil der Seeleute sind christlich orientierte Menschen. Und dann passiert ihnen etwas, was ihren Überzeugungen völlig zuwiderläuft. Das ist für sie eine mentale Katastrophe.

epd: Wobei die Arbeitssituation an Bord ohnehin schwierig ist...

Markus Schildhauer: Ja, die Seeleute sitzen teilweise neun Monate an Bord und kommen nicht runter von ihrem Blechkasten. Offiziell werden dafür Sicherheitsargumente angeführt. Ein Zitat von Seeleuten ist: Was ist der Unterschied zwischen Gefängnis und einem Schiff? Im Gefängnis darf man ein Mal am Tag ins Grüne. Dazu kommt: Oft herrscht im östlichen Mittelmeer an Bord ein schlimmer Umgangston, allerdings nie auf Schiffen mit deutscher Flagge oder deutschen Leuten an Bord. Das sind eher osteuropäisch-arabische Besatzungen. Da sind alle Arten von Gewalt an Bord. Physische Gewalt, der Kapitän schlägt die Seeleute. Wir haben mentale Gewalt, Mobbing bis hin zu Schutzgeldzahlungen, die erpresst werden unter den Seeleuten. Und sexuelle Gewalt, also Missbrauch von Untergebenen. Ich registriere da einen unheimlich hohen Anteil an Suizidfällen. Im vergangenen Jahr waren es 14, von denen ich erfahren habe.

epd: Zurück zu den Geflüchteten: Sind Handelsschiffe überhaupt auf eine Rettung vorbereitet?

Markus Schildhauer: In der Regel nicht, deutsche Schiffe allerdings schon. Das ist vorbildlich. Es ist ja eine Kostenfrage, Dinge wie Decken oder Medikamente zu bevorraten. So eine Rettungsaktion am Handelsschiff ist aber ganz grundsätzlich eine Katastrophe. Das erste Problem fängt damit an, dass sich die Leute im Schlauchboot beruhigen müssen, dass die nicht aufstehen oder auf eine Seite wechseln. Dann nämlich könnte das Schiff kentern. Wenn man eine Strickleiter runterlässt, müssen die Leute an einer Bordwand hochklettern die so hoch ist wie ein vierstöckiges Haus. Glatte Wand. Jetzt stellen Sie sich mal eine Mutter mit einem Kind vor und einem Rucksack auf dem Rücken. Das geht nicht. Das so jemand ins Wasser fällt, ist fast logisch. Die Rettung zum Greifen nahe, aber die Kraft reicht nicht. Und dann können die Menschen meistens nicht schwimmen. Der Seemann oben muss dann sehen, wie jemand unten vor seinen Augen ertrinkt. Das sind Bilder, die man niemals vergisst.

epd: Das ist traumatisierend. Wie kann den Seeleuten geholfen werden?

Markus Schildhauer: Wir von der Seemannsmission kommen an Bord und können mit den Leuten reden. Deutsche Reeder bieten Gespräche mit Psychologen an. Aber eigentlich gehören die Leute in eine Reha-Klinik. Aber würden Sie ihrem Arbeitgeber sagen, wenn Sie eh schon Angst um ihren Job haben, ja, ich hatte traumatische Erlebnisse, eigentlich bin ich nicht mehr arbeitsfähig? Ich bin in solchen Situationen ein neutraler Gesprächspartner, der unabhängig vom Arbeitgeber zuhören kann. Und da Alexandria in dieser Hinsicht ein Hotspot ist, gibt es bei uns besonders viele solcher Gespräche. Seeleute mit solchen Erfahrungen haben eine Last auf der Seele - und diese Last muss runterkommen. Wenn das nicht geschieht, führt diese Last schlimmstenfalls in den Suizid.

epd: Was muss sich ändern?

Markus Schildhauer: Das reiche Europa darf nicht die Augen vor den Schutzsuchenden verschließen und sagen: Ist nicht unser Problem. Wir brauchen eindeutige Regelungen zur Rettung von Flüchtlingen, die ja nach internationalem Recht vorgeschrieben ist. Und wir brauchen ein klares Einwanderungsgesetz. Ich sehe auch, dass wir nicht jeden Menschen aufnehmen können. Aber wir brauchen verbindliche Regelungen, die dann auch überall gelten müssen. Fluchtursachen bekämpfen, das kann man toll sagen. Wenn man dann aber im gleichen Atemzug nach Saudi Arabien Waffen liefert, dann wird dieser Satz zur Farce. Da muss sich unsere Politik völlig verändern. (0052/10.01.19)

epd-Gespräch: Dieter Sell