Kirche
Die fruehere hannoversche Landesbischoefin Margot Kaessmann (Foto vom 12.03.18) wird am Samstag (30.06.18) offiziell in den Ruhestand verabschiedet.
© epd-bild / Norbert Neetz
Ein Fest für Margot Käßmann
Frühere Bischöfin wird in den Ruhestand verabschiedet
Hannover (epd). «Das ist ja wie Weihnachten», sagt Jens Steinmann mit
Blick auf die lange Schlange vor der Martkirche im Herzen von
Hannover. «Wenn Frau Käßmann predigt, zieht sie die Massen an.» Der
Verkäufer der Straßenzeitung «Asphalt» kennt sich aus, vor der Kirche
ist seit Jahren sein Stammplatz. Noch einmal tritt die wohl
prominenteste Theologin der evangelischen Kirche am Sonnabend auf die
Kanzel der Kirche, in der sie am 4. September 1999 als damals jüngste
Bischöfin in Deutschland eingeführt wurde. Käßmann, die am 3. Juni 60
Jahre alt geworden ist, wird mit dem Gottesdienst in den Ruhestand
verabschiedet.

Neben Prominenz aus Kirche und Politik sind viele Wegbegleiter der
früheren Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland
(EKD) unter den rund 800 Gästen in der gotischen Backsteinkirche. Er
habe mit Käßmann viel erlebt - Höhen und Tiefen, sagt der frühere
hannoversche Synodenpräsident Jürgen Schneider. «Jetzt ist es mir
wichtig, einen schönen Schlusspunkt zu setzen.»

Vor der Kirche verfolgen noch einmal einige hundert Menschen den
Gottesdienst auf einer Leinwand - bei strahlendem Sonnenschein nach
Möglichkeit unter einem der aufgespannten Sonnenschirme. Wie bei
Käßmanns Einführung gibt es auf ihren Wunsch ein Fest zwischen Altem
Rathaus und Marktkirche. Bei Ingrid Robens, die auf einer der Bänke
Platz genommen hat, kommt das gut an. «Kirche sind wir alle und nicht
nur die Prominenz», sagt sie. «Das war Frau Käßmann immer sehr
wichtig.»

Vor der Kirche sitzen Menschen, die die beliebte und zugleich
umstrittene Theologin schätzen. «Sie hat sich nicht gescheut,
unangenehme Themen klar anzusprechen, hat Kritik eingesteckt und
Position bezogen, zum Beispiel zum Afghanistan-Einsatz», sagt
Michaela Meier, die aus dem Osnabrücker Land angereist ist. Auch den
Schritt der damaligen EKD-Ratsvorsitzenden, nach einer Fahrt unter
Alkoholeinfluss im Februar 2010 nach nur wenigen Monaten im
Spitzenamt der evangelischen Kirche zurückzutreten, bewundert Meier.
«Das hätte sonst kaum ein Politiker oder Kirchenvertreter getan.»

Käßmann bleibt sich bei ihrem Abschied treu. Sie spricht in ihrer
Predigt von Hoffnung und ermutigt zum Engagement für Frieden und
Gerechtigkeit. «Anders als all die Schlechtredner, Miesmacher,
Gewaltandroher, Rassisten, Menschenrechtsverächter und
Freiheitsfeinde werden wir die Vision vom Gelobten Land immer wieder
umsetzen in kleinen Schritten», sagt sie. Beifall brandet auf, als
sie spontan auf die Stimmung draußen vor den Kirchenmauern reagiert.
Ein Spielmannszug auf der Straße übertönt die Worte, in Hannover ist
Schützenfest.

Der heutige hannoversche Landesbischof Ralf Meister würdigt
schließlich seine Amtsvorgängerin als «Frau mit einem
außerordentlichen Charisma». Sie habe etablierte Modelle hinterfragt
und sprühend neue Ideen und Positionen hineingetragen, sagt der
Bischof unter Applaus. Käßmann war zuletzt als Botschafterin der EKD
für das Reformationsjubiläum im Einsatz. Michaela Meier im Publikum
vor der Marktkirche zeigt sich überzeugt: «Sie wird eine große Lücke
hinterlassen.»

Nach dem Gottesdienst geht das Fest mit Musik von Dieter Falk und
seiner Band vor der Kirche weiter. In einem Talk auf der Bühne blickt
Käßmann auf ihre Amtszeit zurück und zugleich nach vorn. Im Ruhestand
will sie erst einmal ein halbes Jahr lang keine Vorträge oder
Gottesdienste halten. Gerade ist ihr sechstes Enkelkind unterwegs,
langweilig werde ihr nicht werden, versichert sie.

Für die in Hannover ansässige Deutsche Stiftung Weltbevölkerung
und die Deutsche Friedensgesellschaft will sie sich aber weiter
engagieren. Auch als Buchautorin will Käßmann weiter aktiv sein.
Gerade erst hat sie das Manuskript eines Buches über das Älterwerden
bei ihrem Verlag abgegeben. Der Titel: «Schöne Aussichten».

Von Karen Miether und Michael Grau (epd)