Kultur
Die franzoesiche Komponistin Lili Boulanger (Foto undatiert) starb am 15. Maerz 1918 an den Folgen der Darmkrankheit Morbus Crohn.
© epd-bild / Centre international Nadia et Lili Boulanger, Paris
Die "rosa Gefahr" der Komponistenszene
Vor 100 Jahren starb die französische Komponistin Lili Boulanger
Hannover, Wien (epd). Als die französische Komponistin Lili Boulanger 1913 den renommierten "Grand Prix de Rome" in der Kategorie Komposition gewinnt, sorgt sie für ordentlich Furore: Sie ist die erste Frau, die die Auszeichnung bekommt. Ein Autor der Fachzeitschrift "Musica" kommentiert: "Vor mehreren Monaten warnte ich Musiker an dieser Stelle vor einer immanenten 'rosa Gefahr': Die Tatsachen ließen nicht lange auf sich warten, um mir Recht zu geben."

Auch die Tagespresse und Illustrierten in Frankreich berichten über Boulanger, die den Rompreis im Alter von 19 Jahren erhält. Nur wenige Jahre später stirbt sie am 15. März 1918 an den Folgen der Darmkrankheit Morbus Crohn. Bis heute zählt sie zu den bekanntesten Komponistinnen.

Die Wiener Musikhistorikerin Melanie Unseld erklärt den Trubel um Boulanger mit dem Ansehen der ursprünglich von Ludwig XIV. ins Leben gerufenen Auszeichnung: "Für jeden, der in Frankreich Komponist werden wollte, war der Rompreis einer der wichtigsten Karriereschritte überhaupt."

Viele männliche Komponisten hätten ihn nie gewonnen oder mehrfache Anläufe dafür gebraucht, sagt die Wissenschaftlerin, die unter anderem am Forschungszentrum Musik und Gender in Hannover gearbeitet hat. Nun sahnt ihn eine junge Frau ab. Und das, obwohl Boulanger seit frühester Kindheit an einer chronischen Lungenkrankheit leidet und gesundheitlich labil ist.

Auf den Rompreis bereitet Boulanger sich akribisch vor. Und besteht vor einer konservativen und frauenfeindlichen Jury, wie Unseld aufzeigt: "Eine Frau konnte damals eine Instrumentalistin oder Sängerin sein, aber bei Komposition stand immer die Aura des Genies dahinter, die man Frauen abgesprochen hat." Dementsprechend schwierig war es für Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, professionelle Komponistin zu werden. Am Pariser Konservatorium etwa seien zentrale Fächer für Frauen nicht zugänglich gewesen, erläutert Unseld.

Lili Boulanger hat das nicht gekümmert. Sie wird am 21. August 1893 in eine Pariser Musikerfamilie geboren. Ihr Vater lehrte am Konservatorium, die Großmutter war Sängerin. "Berufstätigkeit von Frauen war in der Familie Boulanger nicht unüblich", sagt die Wissenschaftlerin.

Lili Boulanger und ihre ältere Schwester Nadia erhalten früh Musikunterricht, zum Freundeskreis der Eltern gehören unter anderen die Komponisten Gabriel Fauré und Camille Saint-Saëns. Lili Boulangers Krankheit sei auch eine Chance gewesen in Zeiten, in denen Bildung für Frauen nicht standardisiert war, wägt Unseld ab: "Die besten Lehrer kamen ins Haus, und die individuelle Förderung war enorm."

Vermutlich habe Boulanger ihre chronische Krankheit sogar genutzt, um sich in der männerdominierten Komponistenwelt durchzusetzen, deutet Unseld die Fotos und Quellen. Gerade nach dem Rompreis habe sie ein starkes Bild der "Kindfrau" und zarten Person gepflegt, indem sie sich beispielsweise vorwiegend weiß kleidete. "Heute gehen wir ganz selbstverständlich davon aus, dass Musiker Images pflegen und ihre Karriere mit Bildern begleiten, das hat Lili Boulanger sicherlich auch getan."

Bis heute wird Boulangers Musik aufgeführt. Das Lexikon "Musik und Gender im Internet" nennt ihre Werke "wegweisend für Komponisten wie Olivier Messiaen und Arthur Honegger". Als Komponistin spiele Boulanger "mit dem Changieren zwischen Vereindeutigung und Verunklarung", ordnet Unseld ein. Ihre Werke orientierten sich an der französischen Musiktradition und hätten gleichzeitig eine eigene, moderne Sprache. "Die Zeitgenossen waren sehr fasziniert von ihrer Musik."

Nach einer erfolglosen Operation 1917 ahnt Boulanger, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleiben würde. Und so bemüht sie sich, begonnene Kompositionen zu beenden. Dazu gehört auch das "Pie Jesu", das ihr eigenes Requiem wird.

Lili Boulanger wurde nur 24 Jahre alt und ist trotzdem nicht vergessen. Dafür nennt die Musikwissenschaftlerin zwei wesentliche Gründe. Zum einen das Engagement ihrer Schwester Nadia, Dirigentin, Musikpädagogin und Komponistin - sie hatte 1908 den zweiten Preis beim Rompreis erhalten. Nadia Boulanger sorgte dafür, dass immer wieder Stücke ihrer Schwester aufgeführt wurden. "Die Kontinuität der Aufführungen ist das A und O, um als Komponist im kulturellen Gedächtnis zu bleiben", betont Unseld.

Außerdem habe Boulanger biografisch fasziniert durch ihren frühen Tod. "Wir kennen das sowohl aus der Kunst- als auch aus der Popmusik, dass Menschen, die künstlerisch erfolgreich sind und jung versterben, noch mal eine besondere Faszination ausüben." Und wie habe schon Billy Joel gesungen? "Only the good die young." (5028/05.03.18)

Von Leonore Kratz (epd)