Umwelt
Bei Schneverdingen hat Ameisenexperte Joerg Beck im Zentrum "Walderlebnis Ehrhorn" gemeinsam mit Foerstern das nach seinen Worten "groesste Ameisengehege Deutschlands" angelegt (Foto vom 06.07.2017: Waldameise).
© epd-bild / Karen Miether
Das große Krabbeln
Jörg Beck ist Ameisen-Experte aus Leidenschaft
Schneverdingen, Heidekreis (epd). Man muss nicht so mutig sein wie Jörg Beck, um kleine Krabbeltiere mit allen Sinnen zu erleben. Der 60-Jährige legt seine Finger auf die Kiefern- und Fichtennadeln und kleinen Stöckchen, mitten hinein in den Hügel voller roter Waldameisen. "Bis zu 100.000 Insekten am Tag frisst ein Ameisenvolk", erzählt er, während er vorsichtig seine Hand voll mit den wuselnden Tierchen wieder hochnimmt. Im Heidedorf Ehrhorn bei Schneverdingen hat Beck gemeinsam mit Förstern das nach seinen Worten "größte Ameisengehege Deutschlands" angelegt.

Mit vier verbundenen Glaskästen und dem umzäunten Nest gibt dieses "Formicarium" Einblick in die Welt der Insekten, die im Lateinischen "Formica Polyctena" heißen. Jörg Beck führt eine Besuchergruppe über das Gelände des Zentrums "Walderlebnis Ehrhorn", das die niedersächsischen Landesforsten rund um ein historisches Hallenhaus eingerichtet haben. Dort hat er ehrenamtlich auch eine "Ameisen-Erlebnis-Ausstellung" eingerichtet.

"Ich habe eine Meise mit 'nem A davor", stellt sich der bärtige Mann mit der kräftigen Statur lachend vor. Schnell wirft er noch weißes Hemd mit schwarzem Muster über - einem Ameisenmuster versteht sich. Dann geht seine Führung "mit allen Sinnen" los. Er zieht ein Taschentuch hervor, das er mit Ameisensäure getränkt hat, und hält es einer Frau unter die Nase. Sie zuckt leicht, als ihr der beißende Geruch in die Nase steigt. "Das war früher auch ein Mittel gegen Erkältung", weiß der Experte. Eine "Ameisen-Fummelbox" hat er mit typischem Nestbaumaterial zum Nachfühlen bestückt.

Seit mehr als 20 Jahren treibt die Faszination für die Krabbeltiere den früheren Kaufmann um. In vier Landkreisen der Region ist er inzwischen Beauftragter für Ameisenschutz. In einem weiteren Landkreis kümmert er sich, wenn ein Nest umgesiedelt werden muss. Auch die nach seinen Worten weltweit größte Ameisen-Briefmarkensammlung nennt er sein eigen.

Rund um das historische Hallenhaus, in dem die niedersächsischen Landesforsten die Ausstellung des "Walderlebnis Ehrhorn" eingerichtet haben, erstreckt sich ein Naturschutzgebiet. Hier haben vor rund 100 Jahren Förster zum Schutz vor Wanderdünen auf dem kargen und sandigen Heidegrund wieder Bäume gepflanzt, wie Annika Böhm erzählt, die Leiterin des Zentrums. Heute ist der Wald weitgehend sich selbst überlassen - perfekter Lebensraum für Tiere wie die streng geschützten Waldameisen. Wanderer, Schulklassen und andere Besuchergruppen können den Wald entlang einem 3,5 Kilometer langen Naturpfad erkunden - auf Wunsch angeleitet von Waldpädagogen.

Auch Jörg Beck bietet Führungen an. Von einer halben Stunde bis zu 24 Stunden lang könne er über Ameisen erzählen, sagt er lachend. Draußen unter einem Sonnensegel weiß er schnell das Interesse seiner Zuhörer auf seiner Seite. "Wie siedelt man Ameisen am besten um?", diese Frage liegt bei einer Besucherin gleich obenan. Dazu müsse man wissen, ob das Nest mehrere oder nur eine Königin hat, erläutert der "Herr der Ameisen". Gibt es nur eine, gelinge das Umsiedeln dann, wenn man sie dabei auch erwischt. "Wenn die Königin dabei ist, hat das Nest eine Überlebenschance. Nur sie kann Eier legen. Sie ist die Halsschlagader des Nestes."

Ameisen sind Überlebenskünstler, die seit mehr als 90 Millionen Jahren auf der Erde leben und das Vielfache ihres Gewichts tragen können. Sie haben perfekte Anpassungsstrategien entwickelt, kommen fast überall auf der Welt vor. Allerdings sind sie nicht überall gerngesehen.

Um lästige Ameisen von der Terrasse zu vertreiben, empfiehlt Beck ein einfaches Mittel. Ameisen kommunizierten unter anderem mit Pheromonen, mit Duftstoffen also, erläutert er. "Streut Zimt oder Curry aus, diese Düfte sind stärker als die der Ameisen." Vom althergebrachten Trick, Backpulver auszuschütten, rät er ab. Das schade den Tieren und verfehle das Ziel. Fresse eine Ameise Backpulver, übersäure sie, erreiche das Nest nicht und könne die Königin nicht füttern. "Irgendwann stellt die Königin fest, mein Volk wird weniger, dann schmeißt sie Eier. " (0037/20.07.17)

Von Karen Miether (epd)