Armut
Armutsgefährdung in Niedersachsen geht leicht zurück
Wohlfahrtsverbände warnen weiter vor sozialem Sprengstoff
Hannover (epd). In Niedersachsen waren 2017 etwas weniger Menschen armutsgefährdet als im Jahr davor. Die Quote lag bei 15,8 Prozent und damit leicht unter dem Niveau des Höchststandes von 2016 (16 Prozent), wie das Landesamt für Statistik am Donnerstag mitteilte. Damit waren in dem Bundesland rund 1,24 Millionen Menschen von relativer Einkommensarmut betroffen. Die Landesarmutskonferenz Niedersachsen (LAK) warnte angesichts der Zahlen weiter vor sozialem Sprengstoff. Die Armut verfestige sich nahezu auf Rekordniveau.

Die Diakonie in Niedersachsen, die der Konferenz angehört, betonte, die Armutsbedrohung bleibe für viele Menschen hoch. "Eine Trendwende ist leider nicht in Sicht", sagte Vorstandssprecher Hans-Joachim Lenke. Die gefährdeten Personengruppen seien weiterhin Alleinerziehende, Kinder mit Familien, Ältere und Menschen mit Migrationshintergrund. "Es ist dringend geboten, dass wir auch wieder über eine Verteilungsgerechtigkeit in unserem Land reden." Sonst drohe die Gefahr, dass das solidarische Handeln in der Gesellschaft abhandenkomme.

Das Armutsrisiko in Deutschland sei keine Frage nur von Einzelschicksalen, betonte Lenke: "Oft liegt das Armutsrisiko nicht daran, dass einzelne Personen ihre Lebenssituation nicht bewältigen könnten, sondern sehr häufig geraten Menschen unverschuldet durch äußere Bedingungen in Armut." Lenke zeigte sich vor allem besorgt über die gleichbleibend hohe Armut unter Kindern und Jugendlichen. Das sei "ein Armutszeugnis für unser Land". Die Diakonie forderte gemeinsam mit anderen Wohlfahrtsverbänden eine Neuausrichtung der Familienpolitik und eine einheitliche Grundsicherung für alle Kinder, die das Existenzminimum sichert.

LAK-Sprecher Lars Niggemeier vom Deutschen Gewerkschaftsbund beklagte, dass immer mehr Menschen vom derzeitigen Wachstum nicht profitierten. Die Mieten stiegen so stark, dass 1,3 Millionen Haushalte in Deutschland nach der Mietzahlung nur noch ein Resteinkommen unterhalb der Grundsicherungssätze hätten. Weil 20 Prozent der Beschäftigten im Niedriglohnsektor arbeiteten, werde die Altersarmut drastisch zunehmen.

Die Konferenz, der die Wohlfahrtsverbände, Vereine, Gewerkschaften und Initiativen angehören, fordert deshalb die Politik zu Nachbesserungen auf. Die Hartz-IV-Regelsätze sollten um 20 Prozent und der Mindestlohn "deutlich" erhöht werden. Es müsse ein sozialer Arbeitsmarkt für Langzeitarbeitslose aufgebaut werden. Der Arbeitsmarkt müsse stärker reguliert werden, damit alle Menschen auch gut von dem leben könnten, was sie verdienten.

Als armutsgefährdet gelten dem Statistikamt zufolge alle Personen mit einem monatlichen Nettoeinkommen von weniger als 60 Prozent des regionalen Durchschnitts. Die Armutsgefährdungsschwelle lag 2017 in Niedersachsen für einen Einpersonenhaushalt bei 980 Euro, für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2.059 Euro. Bei Haushalten von Alleinerziehenden mit einem Kind unter 14 Jahren waren es 1.275 Euro. (3163/23.08.18)