Ethik
In der frueheren Haftanstalt in Goettingen soll nach dem Willen von Planern kuenftig ein Hostel entstehen, in dem vor allem junge Leute preisguenstig uebernachten koennen.
© epd-NDS / Peter Heller
Übernachten wie im Knast
Im ehemaligen Göttinger Gefängnis sollen bald Gäste für wenig Geld beherbergt werden - wenn die EU mitspielt
Göttingen (epd). Von den dicken Wänden bröckelt der Putz, das Dach ist undicht, die Freiflächen sind von Unkraut überwuchert. "Die Substanz des Gebäudes ist aber grundsolide", sagt Dietmar Linne. Seit zehn Jahren steht das alte Göttinger Gefängnis leer. Nun will Linne, Vorstand der Beschäftigungsförderung Göttingen, wieder Leben in die Bude bringen: Der ehemalige Knast soll zu einem Hostel umgebaut werden.

In einigen Zellen hängen noch Bilder von Rennwagen und spärlich bekleideten Frauen. Häftlinge hatten sie aus Zeitschriften gerissen und mit Zahnpasta auf den Beton klebt. Einige Gefangene haben sich mit Graffiti und Sprüchen auf den Wänden verewigt. "Die DDR muss wieder her", hat einer geschrieben. "Gino (Zinto) aus Hildesheim ist ein Verräterschwein", ein anderer.

Die Buntstift-Zeichnung von den Teletubbies im Haftraum daneben ist schon etwas verblasst. Ein paar Türen weiter, in Zelle 52 bedeckt ein großes Gemälde die ganze Wand: Zwei betende Hände, drumherum ein blühender Rosenstrauch.

1836 wurde die Haftanstalt gebaut, zuletzt diente sie als Untersuchungsgefängnis. 2008 erwarb die Stadt Göttingen das wuchtige, denkmalgeschützte Gebäude. Für längere Zeit war eine Nutzung als Museum im Gespräch, doch diese Idee zerschlug sich.

Ende 2016 präsentierte die Beschäftigungsförderung, eine Tochter der Stadt, ihre Hostel-Idee: Rund 100 Übernachtungsplätze könnten hier entstehen, sagt Linne. Die preisgünstigsten in den sechs Quadratmeter kleinen Einzelzellen, etwas teurere in den ehemaligen Gemeinschaftsräumen. Bei ihrem Aufenthalt sollen die künftigen Gäste auch Knast-Atmosphäre schnuppern. Einige Fenstergitter bleiben wohl erhalten, ebenso die Ausnüchterungszelle. "Die ist so schön schauderhaft", findet Linne.

Auch für die von einer hohen Mauer und Drahtrollen umfriedete Fläche, auf der die Häftlinge beim Freigang ihre Runden drehten, haben Linne und Co-Planer Peter Rossel schon Ideen: Sie könne zum Eingangsbereich mit Café und Fahrradverleih umgestaltet werden. Der große Innenhof, den sich das Gefängnis mit der Staatsanwaltschaft teilte, tauge für Konzerte und andere Kulturveranstaltungen.

Im ehemaligen Andachtsraum erinnern nur noch ein Zettel mit der Aufschrift "INRI" und die Dübellöcher für das Kruzifix an die frühere Nutzung. "Hier wäre Platz für Seminare und andere Versammlungen", meint Linne. Auf dem riesigen Dachboden könnten Ausstellungen gezeigt werden.

Durch die halbrunden, historischen Rosettenfenster fällt der Blick auf die gegenüberliegenden Bauwerke: das Mahnmal für die frühere Synagoge, das Übernachtungsheim der Heilsarmee sowie das vor anderthalb Jahren besetzte und später von den Besetzern gekaufte frühere Gewerkschaftshaus mit den politischen Spruchbändern in den Fenstern. Diese und alle anderen Nachbarn will Linne an der Planung des Hostels und der späteren Nutzung beteiligen.

Auch Langzeitarbeitslose und Flüchtlinge sollen mit ins Boot. Mindestens die Hälfte der Aufträge werde an regionale Betriebe vergeben, die Geflüchtete als Praktikanten beschäftigen oder ganz übernommen haben, kündigt Linne an. Auch in der Hostel-Gastronomie könnten Flüchtlinge beschäftigt werden, insgesamt bis zu 30 neue Jobs entstehen.

Unumstritten ist das Projekt im Viertel aber nicht: Anwohner kritisierten, sie würden vor vollendete Tatsachen gestellt. Auch grundsätzliche Skepsis, dass ein Hostel gar nicht den Bedürfnissen des Viertels entspreche, wurde schon geäußert. Studierende benötigten keine Jugendherberge, sondern günstigen Wohnraum, hieß es.

Linne und Rossel und mit ihnen die Mehrheit des Stadtrates sehen das ganz anders. Es fehle in der Unistadt an preisgünstigen Hotelbetten. Das Hostel könne diese Lücke schließen und zudem das Quartier am Rand der Innenstadt wiederbeleben.

Rund sechs Millionen Euro soll die Sanierung des Knastes nach bisherigen Kalkulationen kosten. So viel Geld hat Göttingen nicht übrig. Die Beschäftigungsförderung hat deshalb Mittel bei der EU beantragt. Fünf Millionen könnte Brüssel dazu schießen. Und wenn der Antrag abgelehnt wird? "Dann kommt ein Plan B", sagt Linne. "Es geht nicht, dass man das Gebäude vergammeln lässt. Die Stadt muss einfach etwas tun, um dieses Juwel zu erhalten." Gibt die EU grünes Licht, könnten schon 2020 die ersten Übernachtungsgäste in das alte Gefängnis einziehen. (6047/30.05.17)

Von Reimar Paul (epd)