Kultur
Zuckmayer-Medaille für Menasse: Staatskanzlei will bald entscheiden
Mainz (epd). Im Streit um die Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille an den österreichischen Schriftsteller Robert Menasse will die rheinland-pfälzische Staatskanzlei schnell eine Entscheidung treffen. Aufgrund der Debatte um umstrittene Äußerungen Menasses suche die Landesregierung das Gespräch mit dem Autor und den Mitgliedern der Fachkommission, die ihn als Preisträger vorgeschlagen hat, sagte die stellvertretende Regierungssprecherin Almut Rusbüldt am 4. Januar in Mainz. Menasse wird vorgeworfen, Zitate des früheren CDU-Europapolitikers Walter Hallstein (1901-1982) erfunden zu haben, um damit seine eigenen politischen Ansichten zu untermauern.

Der Vorsitzende der CDU-Landtagsfraktion, Christian Baldauf, hat die Landesregierung aufgefordert, die für den 18. Januar geplante Vergabe der Medaille zu verschieben. Menasse habe nachweislich in Reden und Aufsätzen erdichtete Sätze als Fakten ausgegeben, erklärte Baldauf. "Dies ist eine Art Geschichtsfälschung, die nicht hingenommen und mit der Carl-Zuckmayer-Medaille gewürdigt werden darf", so Baldauf.

Die AfD-Fraktion im Mainzer Landtag erklärte, Menasse ginge es um "Stimmungsmache für linke Politik-Projekte". Damit habe sich der Schriftsteller für den Zuckmayer-Preis disqualifiziert, sagte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Joachim Paul.

Menasse hatte Hallstein, der 1958 erster Kommissionspräsident des EU-Vorläufers Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) wurde, unter anderem mit dem Satz zitiert, die Abschaffung der Nation sei die europäische Idee. Mit Verweis auf dieses Zitat hatte Menasse bereits 2013 geschrieben, das sei "ein Satz, den weder der heutige Kommissionspräsident noch die gegenwärtige deutsche Kanzlerin wagen würde auszusprechen. Und doch: Dieser Satz ist die Wahrheit."

Nach einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" hat bereits Ende 2017 ein Historiker Menasse vorgeworfen, Hallstein falsch zitiert zu haben. Damals habe der Autor mit dem Argument reagiert, dass ein Dichter andere Freiheiten im Umgang mit Quellen und Zitaten habe als ein Wissenschaftler oder ein Journalist. "Was kümmert mich das 'Wörtliche', wenn es mir um den Sinn geht", soll Menasse gesagt haben.

Die Carl-Zuckmayer-Medaille wird seit 1979 jedes Jahr am 18. Januar, dem Todestag des aus Rheinhessen stammenden Schriftstellers, verliehen. Zu den bisherigen Preisträgern zählen unter anderen der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt, der Schauspieler Mario Adorf und der Rockmusiker Udo Lindenberg. Die Preisträger werden auf Empfehlung einer Fachjury von Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) ausgewählt.

Zur Begründung für die Vergabe an Menasse hatte Dreyer im September vergangenen Jahres gesagt, der 64-jährige Autor habe nicht nur unterhaltsame Literatur geschrieben, sondern mit seinem kritisch-ironischen Blick auf geschichtliche Zusammenhänge auch zum Nachdenken angeregt. Die Ministerpräsidentin hob hervor, dass sich Menasse zunehmend europapolitischen Themen widme. "Es ist erfrischend, dass solche Themen in der Literatur ihren Platz finden", sagte Dreyer. Mit 'Die Hauptstadt' habe er "einen großen EU-Roman" geschaffen.

epd lmw koc