Ethik
Studie: Sexualität in Altenheimen immer noch Tabu-Thema
Frankfurt a.M. (epd). Sexualität in Einrichtungen der Altenpflege ist nach einer aktuellen Studie immer noch ein Tabu-Thema. Pflege- und Führungskräfte würden alten Menschen oftmals gar keine sexuellen Fantasien und Handlungen zugestehen oder diese "verniedlichen", sagte Hildegard Keul-Bogner von der Frankfurt University of Applied Sciences am 11. Juni in Frankfurt am Main. Für die Studie der Hochschule in Kooperation mit dem pro familia Landesverband Hessen wurden bundesweit mehr als 500 Pflegekräfte sowie Bewohner im Alter zwischen 71 und 104 Jahren befragt.

In den meisten Einrichtungen gebe es keine konkrete Handlungsleitlinien zu dem Thema, erklärte die Sozialpädagogin. Alle befragten Pflegekräfte würden laut Studie wöchentlich bis täglich Sexualität im Heim-Alltag erleben. Einige Pfleger hätten Bewohner zum Beispiel beim Masturbieren gesehen und nicht gewusst, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Nach den Erzählungen der teilnehmenden Pflegekräfte sei es sogar schon zu Kündigungen gekommen, weil die Pfleger den Bewohnern etwa den Besitz von pornografischen Zeitschriften erlaubt hätten.

Die Pflegekräfte seien ohnehin schon überfordert, bei sexuellen Fragen kämen noch große Wissenslücken hinzu, sagte Keul-Bogner. Hier wären entsprechende Fortbildungen dringend erforderlich. Viele Pfleger gaben zudem an, sich für das Sexualleben der Bewohner nicht verantwortlich zu fühlen. Außerdem fühlten sie sich bei dem Thema gehemmt und unsicher.

Eine Probandin habe von einer Situation erzählt, in der ein älteres Pärchen ständig kleinere Schnittwunden an den Armen hatte. Erst Wochen später hätten die Pfleger die beiden darauf angesprochen und gefragt, ob dies eventuell etwas mit ihren sexuellen Vorlieben zu tun haben könnte. Beziehungen und die Sexualität von Senioren seien in den Köpfen vieler Menschen immer nur süß und romantisch, erklärte Keul-Bogner. Dienste wie die einer Sexualbegleiterin würden die Mitarbeiter zwar prinzipiell befürworten, solche Angebote aber nie von sich aus ansprechen.

Während im Aufnahmegespräch für eine Einrichtung der Altenpflege alle möglichen Dinge abgefragt würden, wie etwa Details zum Stuhlgang, werde das Thema Sexualität einfach ausgelassen, sagte Keul-Bogner. Oft wüssten die Führungs- und Pflegekräfte nicht einmal, ob der Bewohner hetero- oder homosexuell ist.

Petra Zimmermann von pro familia Kassel wünschte sich von den Einrichtungen eine klare Haltung zur Sexualität. Es müsse klar kommuniziert werden, was erlaubt sei und was nicht. Neben Gesprächen mit dem Pflegepersonal sei auch die Kommunikation mit Angehörigen notwendig. Für die Bewohner forderte die Sexualberaterin außerdem mehr Privatsphäre. Eine Möglichkeit sei ein Türschild mit der Aufschrift "bitte nicht stören", wie es auch in vielen Hotels zu finden ist.

Internet:
www.frankfurt-university.de
www.profamilia.de/angebote-vor-ort/hessen.html

epd lmw dob all