Kultur
Musik am besten gemeinsam
Forscher: Musik hilft Menschen zusammenzukommen
Marburg (epd). Juliana singt im Theaterchor an der Frankfurter Opernschule, sie spielt Klavier und Geige. Bereits mit vier Jahren sang sie im Kirchenchor. "Ich konnte mir Melodien und Texte schon immer gut merken", erzählt die 18-Jährige. "Musik ist aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken." Wenn es ihr mal nicht so gutgeht, hört sie am liebsten die Beatles. Oder macht Musik: "Danach ist man viel ruhiger und gelassener, es ist ein total schönes Gefühl."

Glücklich und entspannt durch Musik? Auch die Wissenschaft widmet sich diesem Thema. An der Universität Marburg hat der Psychologe Urs Nater das "Music & Health Lab" gegründet, um herauszufinden, wie Musik gegen Stress hilft. "Es gibt so gut wie keine Forschung zu dieser Frage", sagt Nater.

Ein Blick in Naters "Music & Health Lab": Kahler Raum, zwei Computer, Mischpult, ein schwarzer Liegestuhl, an dem Kopfhörer baumeln. Versuchspersonen hören hier verschiedene Arten von Musik. Im Labor werden anschließend Blut, Speichel, Haarproben und Herzwerte untersucht. Eine Mitarbeiterin trägt Dutzende kleine Röhrchen mit Speichel in den Nebenraum: Daran können die Wissenschaftler die Stresswerte ablesen.

In einer Studie haben die Psychologen untersucht, wie die Musik im Alltag wirkt. "Wir haben Versuchspersonen mit iPods ausgestattet", berichtet Nater. Die Leute nahmen die Geräte mit nach Hause, durchlebten ihren normalen Tag und hörten Musik, wie sie es immer tun.

Eine Woche lang wurden sie mehrmals täglich zu ihren Hörgewohnheiten und ihrem Stressgefühl befragt. Zudem untersuchten die Wissenschaftler den Speichel und maßen unter anderem die Konzentration des Hormons Cortisol, das als Stressanzeiger gilt. Ergebnis: "Wir haben gesehen, dass Musik per se keine stressreduzierende Wirkung hat", stellt Nater fest. "Aber sie wirkt entspannend, wenn man sie gezielt mit der Absicht hört, sich zu entspannen."

Und: Musik beruhigt die Menschen vor allem dann, wenn sie sie gemeinsam mit anderen hören, "und zwar sehr viel mehr", betont Nater. Der Discobesuch, das Klavierkonzert, das Rockfestival oder auch der Fangesang beim Fußballspiel - all das macht glücklich, unabhängig vom Musikstil. "Man kann auch mit Heavy Metal-Musik entspannen, wenn einem das gefällt." Studien belegen, dass Menschen am liebsten die Musik wählen, die ihrem Herzschlag entspricht.

Doch nicht nur gemeinsames Musikhören, sondern auch gemeinsames Singen macht glücklich, das ist nicht nur Alltagserfahrung, sondern auch belegt. Gunter Kreutz, Musikwissenschaftler an der Uni Oldenburg, untersucht, warum Menschen in Chören singen: "Was haben die davon, findet man dort mehr Erfüllung und Entspannung als anderswo?"

Seine Forschungen zeigen: Menschen, denen es gutgeht, fühlten sich nach dem Chorsingen oder auch dem Tanzen noch besser, die Stimmung wechselt zu "sehr gut bis euphorisch".

In seinem Buch "Warum Singen glücklich macht" schreibt er: "Singen hilft Menschen, aus ihrer sozialen Isolation herauszutreten und Flow zu erleben" - also ein "nachhaltig (positiv) verändertes Bewusstsein". Es gehe darum, eine Grundzufriedenheit zu bewahren. Dafür brauche man einen Plan, ein "soziales Netz" und "Bereiche, in denen ich mich geborgen fühle".

"Musik besitzt eine Sozialfunktion", so beschreibt es der Marburger Psychologe Nater. "Sie hilft Menschen zusammenzukommen. Und Zusammensein heißt, geschützt zu sein." So habe sich Musik über die Jahrtausende erhalten.

Nater will Musik gezielt zur Vorbeugung gegen Stress einsetzen. Er sucht eine Methode oder ein Hilfsmittel, das er den Gestressten an die Hand geben kann. Kreutz rät: Summen, Singen, Trällern oder Schmettern - jeder sollte das mindestens einmal am Tag tun, egal wo.

Internet: www.ekir.de/landessynode

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Von Stefanie Walter (epd)