Kirche
EKHN zeigt Filmdokumentation zu Heimkinder-Schicksalen
Frankfurt a.M. (epd). Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) hat am 25. Juni in Frankfurt am Main einen Dokumentarfilm über die Situation von Heimkindern im Nachkriegsdeutschland präsentiert. Die Wiesbadener Filmemacherin Sonja Toepfer habe darin im Auftrag der Kirche die Fürsorgeerziehung von 1950 bis 1975 unter die Lupe genommen, sagte die EKHN-Historikerin Anette Neff.

Toepfer ermögliche in der Doku mit dem Titel "Kopf Herz Tisch hoch drei - Die psychiatrisierte Kindheit" durch die verschiedenen Perspektiven einen authentischen Einblick in die medizinische Denkweise in den Heimen der Nachkriegsjahre, erläuterte Neff. Sie beleuchte dabei, nach welchen Kriterien damals Kinder als "gesund" oder "krank", als "normal" oder "abweichend" beurteilt wurden. Das Thema sei immer noch aktuell, sagte die Historikerin. Als Beispiel nannte sie das Verfahren der vorgeburtlichen Diagnostik.

Die Produktionskosten von rund 35.000 Euro habe die EKHN übernommen, sagte deren Pressesprecher Volker Rahn. Neben dem Dokumentarfilm ist ab sofort auch eine Wanderausstellung zum Thema Heimkinder ausleihbar, die auf zwölf Tafeln die Geschichte evangelischer Kinderheime im Gebiet der EKHN nachzeichnet. Neben der Aufarbeitung der EKHN möchte auch die Hephata-Diakonie im Herbst einen Abschlussbericht zu dem Thema vorlegen, kündigte Vorstandssprecher Maik Dietrich-Gibhardt an.

Toepfer lässt in ihrer knapp 80-minütigen Dokumentation neben anderen Zeitzeugen beispielhaft zwei Betroffene ausführlich zu Wort kommen. Beide Protagonisten waren auch bei der Filmvorführung zu Gast. Thomas Hasper war als Jugendlicher in der Hephata-Diakonie im nordhessischen Treysa untergebracht, und Heinz Schreyer verlebte seine Kindheit unter anderem im Kinderheim Kalmenhof in Idstein. Beide zeigten sich erfreut darüber, dass das Thema endlich öffentlich diskutiert werde.

Nach Erkenntnissen von Toepfer nahmen Ärzte in den 1950er und 60er Jahren ohne therapeutische Notwendigkeit gefährliche und äußerst schmerzhafte Untersuchungen an Kindern vor. Vor diesem Hintergrund forderte der Psychiater und Zeitzeuge Hans von Lüpke ein Umdenken in der heutigen Medizin. Etwa in der Behandlung von ADHS-Patienten würden viele Ärzte nach wie vor oft zu schnell und zu häufig zu starken Medikamenten greifen.

Die Historikerin Neff rechnet damit, dass sich nach der Uraufführung des Filmes weitere ehemalige Heimkinder bei der EKHN melden werden. Die Dokumentation solle künftig in Kirche und Diakonie zu Lehr- und Fortbildungszwecken dienen, sagte die Projektleiterin Petra Knötzele. Geplant seien auch Filmvorführungen mit anschließendem Gespräch mit Betroffenen. Auch heute sei es wichtig, in Heimen aber auch in anderen Einrichtungen wie zum Beispiel Altenheimen auf gut ausgebildete Mitarbeiter zu setzen. Es dürfe nicht am Fachpersonal gespart werden, sagte Knötzele.

In der Nachkriegszeit wurden viele Kinder und sogar Säuglinge aufgrund der großen Wohnraumknappheit, der hohen Zahl alleinerziehender Frauen und der Ablehnung unehelicher Kinder in Heimen untergebracht.

Als DVD ist der Film gegen eine Schutzgebühr von zehn Euro auf der Internetseite www.unsere.ekhn.de/heimkinder.html erhältlich.

Internet: www.ekhn.de, u.epd.de/yge (Filmprojekt)

epd lmw dob ds