Kirche
Religionsunterricht ist Dienst an der Gesellschaft
Oberkirchenrat Bierbaum: Bildung bleibt zentrales Thema der evangelischen Kirche
München (epd). Auch nach dem 500. Reformationsjubiläum bleibt die Bildung nach Überzeugung von Oberkirchenrat Detlev Bierbaum ein zentrales Thema der evangelischen Kirche. Vor allem der Religionsunterricht sei geradezu ein Dienst an der Gesellschaft und Voraussetzung für den so nötigen interreligiösen Dialog, erläuterte der Theologe, der in der bayerischen Landeskirche für die Bereiche Bildung und Medien zuständig ist, in einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).

epd: Nach dem großen Reformationsjubiläum kommt für die Protestanten jetzt wieder der nüchterne Alltag. Was ist das Fazit des für den Bereich Bildung zuständigen Oberkirchenrats der bayerischen Landeskirche?

Bierbaum: Ohne Frage fand die Reformation und ihre Folgen weit über die kleinen Playmobil-Lutherfiguren große Aufmerksamkeit. Die evangelische Kirche war ein Jahr lang nahezu in aller Munde. Dabei wurden eben auch existenzielle Fragen des Menschen - was gibt einem Leben Sinn - wieder in eine breite Öffentlichkeit gerückt. Alles in allem wurde viel erreicht. Etwas zu kurz kamen vielleicht einzelne Aspekte, wie etwa der böhmische Reformator Johannes Hus, ein Vorläufer der Reformation, die Schweizer Reformatoren oder der soziale Flügel der Reformation. Es war allerdings verständlich, dass sich die öffentliche Wahrnehmung - auch unter ganz legitimen Marketing-Gesichtspunkten - auf die Figur Martin Luthers fokussiert hat. Gleichwohl war ein Themenjahr auf dem Weg zum Jubiläum dem Bereich Bildung und dem Bildungsreformer Philipp Melanchthon gewidmet, den man in seiner Bedeutung gar nicht überschätzen kann.

epd Wie ist es denn heute um das Thema Bildung in der evangelischen Kirche bestellt?

Bierbaum: Bildung ist und bleibt ein zentrales Thema für unsere Kirche. Deshalb haben wir in diesem Jahr das neue, umfassende Bildungskonzept "Horizonte weiten - Bildungslandschaften gestalten" in die Fläche unserer Landeskirche hineingebracht. Uns hat sehr gefreut, dass dieses Konzept, wie bei der Präsentation im Münchner Gasteig Anfang April deutlich wurde, auch von Verbänden und der Wirtschaft gesehen und ernst genommen wird.

epd: Was macht dieses Bildungskonzept aus?

Bierbaum: Es geht um den Gedanken einer ganzheitlichen Bildung. Während in den Unternehmen die Fort- und Weiterbildung zwangsläufig zielorientiert zu neuen Kompetenzen und mehr Effizienz der Mitarbeitenden führen soll, will die kirchliche Bildung den Menschen befähigen, seine gesamte Persönlichkeit in den Blick zu nehmen, sich durch Bildung eine eigene Position und ein eigenes Verständnis von Welt und Gesellschaft zu schaffen und sein Leben reflektiert zu gestalten. Melanchthon hat das schön formuliert, als er 1526 in einer kriegerischen Zeit über das hochgerüstete Nürnberg sagte, der beste Schutz einer Stadt seien gebildete Bürger. Kurz gefasst, Bildung ist mehr als Wissen, weil zu ihr auch Herzensbildung und soziale Kompetenz gehören.

epd: Bildung beginnt in der Regel in der Schule. Was würden Sie den Eltern raten, denen der Schulstress zunehmend zu schaffen macht - etwa beim Übertritt ihrer Kinder von der Grundschule zum Gymnasium?

Bierbaum: Eine viel größere Gelassenheit! Denn das Schulsystem ist heute enorm durchlässig. Für eine erfolgreiche berufliche Laufbahn sind zudem nicht mehr zwingend Gymnasium und Universität nötig. Die Gaben und Entwicklungsstufen der Kinder sind verschieden. Deshalb sollten Kinder nicht überfordert werden, weil die Eltern die falsche Schulart gewählt haben. Das kann zu Traumatisierungen führen, die den Menschen ein ganzes Leben begleiten. Es ist eine Aufgabe der Schulen und unserer Bildungsverantwortlichen, noch stärker und werbender auf die verschiedenen Schulformen und Bildungswege hinzuweisen. Das würde Eltern von der Sorge entlasten, irgendetwas zu versäumen.

epd: Auch der konfessionelle Religionsunterricht ist angesichts der zunehmenden religiösen Vielfalt in die Diskussion gekommen. Ist dieser Unterricht noch zeitgemäß?

Bierbaum: Unbedingt. Wenn es den konfessionellen Religionsunterricht nicht gäbe, müsste man ihn neu erfinden. Denn in diesem Unterricht werden sich Schülerinnen und Schüler ihrer eigenen religiösen Identität bewusst und lernen, sie zu reflektieren. Das ist die Grundlage für den so nötigen interreligiösen Dialog, etwa mit Muslimen. Außerdem werden die existenziellen Fragen des Menschen diskutiert, wodurch die Schüler lernen, ihre eigene Position zu finden und mit gesellschaftlichen Fragen umzugehen. Weil der Religionsunterricht so die Friedens- und Kritikfähigkeit fördert, ist er ein Dienst an der Gesellschaft. Denn der Religionsunterricht will nicht missionieren oder einfach neue Kirchensteuerzahler heranziehen, sondern die Entwicklung von Grundhaltungen begleiten. Natürlich ist es erfreulich, wenn der Religionsunterricht Kinder, Jugendliche und junge Menschen mit der Kirche in Kontakt bringt - weil sie hier Positives erlebt haben.

Um den Religionsunterricht weiterzuentwickeln, haben wir das Projekt RU 2026 aufgesetzt, das bis Ende 2018 läuft. Im Rahmen dieses Projekts wollen wir seine Akzeptanz bei den Schülern feststellen, die Fortbildungsangebote der Lehrkräfte optimieren - sie spielen eine entscheidende Rolle - und Denk-Modelle für einen konfessionell-kooperativen Religionsunterricht entwickeln. Die entscheidende Grundlage des Religionsunterrichts bleibt aber dessen konfessionelle Fundierung.

epd: Um das evangelische Profil geht es auch bei dem großen kirchlichen Reformprozess, der die biblische Botschaft wieder näher an die Menschen unserer Zeit bringen und neue kirchliche Räume schaffen will. Wie passt die Bildung zu "Profil und Konzentration"?

Bierbaum: Der Bereich der Bildung passt zu dem sogenannten "PuK"-Prozess, da im Moment sogenannte neue Bildungslandschaften entstehen. In soziologisch sinnvollen regionalen Zuschnitten kooperieren Bildungseinrichtungen miteinander und machen Angebote für den jeweiligen Raum. Als Beispiel: Die Kita-Leiterin und die Grundschullehrerin gestalten in einem klar definierten Prozess den Übergang der Kinder vom Kindergarten zur Schule, moderiert durch das örtliche evangelische Bildungswerk. Denkbar ist, dass die evangelischen Kindergärten - wie es in der badischen Kirche geschieht - zu Familienzentren werden, die zusammen mit den Bildungswerken Angebote für die ganze Familie, für alle Generationen vom Kleinkind bis zur Großmutter entwickeln. Eine wichtige Grundlage für diese neuen Kooperationen ist - nach dem Abschluss des umfassenden Reformprozesses der Erwachsenenbildung - die innerkirchliche Verortung der Dienstverhältnisse der auf diesem Feld Mitarbeitenden.

epd: In Ihr Ressort fallen auch die landeskirchlichen Beauftragten und die überparochialen Dienste und Einrichtungen. Wie finden die ihre Räume im Konzept "Profil und Konzentration"?

Bierbaum: Ich bin sehr froh, dass es den PuK-Prozess gibt. Wir suchen damit Wege, wie wir mit der biblischen Botschaft an die Menschen herankommen, die wir im Moment nicht erreichen. Derzeit geht der Reformprozess noch stark von der Ebene der Gemeinde, des Dekanatsbezirks aus. Die Diskussion beginnt also erst, wie kirchliche Dienste und Beauftragte mit ihrer großen Professionalität und spezifischen fachlichen Kompetenz diesem Prozess zugeordnet werden können. Die Frage wird sein, in welchen soziologischen Räumen das Angebot eines kirchlichen Dienstes sinnvoll und nötig ist, wie er sich dort gestalten muss, wie das Zusammenspiel mit der Gemeinde oder dem Dekanatsbezirk Synergien freisetzt und wo der landesweite Dienst - jenseits der Parochie - seinen für unsere Kirche ganz eigenen, notwendigen Platz hat.

epd: Wie wirkt sich das beispielsweise für den "Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt" (kda) aus?

Bierbaum: Der kda hat sich ja bereits 1999 ganz grundlegend verändert, weil er vom "Amt für Industrie- und Sozialarbeit" zur "Kirche in der Arbeitswelt" geworden ist. Das ist ein viel breiterer Ansatz, der beispielsweise auch die Arbeitgeber und das Handwerk umfasst. Hier leistet er nach meinem Dafürhalten eine ganz vorzügliche Arbeit. In Rahmen von PuK muss der kda spezielle Angebote für Räume mit speziellen Anforderungen entwickeln, etwa für Regionen mit einer hohen Quote an arbeitslosen Menschen. Daneben muss er sich auch - sozusagen auf der bayernweiten Ebene - der grundsätzlichen Problemstellungen der Arbeitswelt annehmen. Als Beispiele seien die Integration von Flüchtlingen oder die zunehmende Entgrenzung der Arbeitszeiten durch die Digitalisierung genannt. Für die Integration junger Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt leistet beispielsweise eine Projektstelle des kda sowie der zum kda gehörige kirchliche Dienst im Gastgewerbe (kdg) einen ganz hervorragenden Beitrag. Im Rahmen eines Start-ups werden junge Flüchtlinge fachlich und sozial-pädagogisch so gut betreut, dass sie zu ihren Abschlüssen kommen und in den Berufsalltag hineinfinden.

epd: Wie steht es um die Digitalisierung, die im PuK-Prozess einen eigenen "Raum" bilden soll?

Bierbaum: Nach der Internetstrategie, die federführend von dem Medienreferenten Daniel Dietzfelbinger ausgearbeitet wurde, und die zur Errichtung einer Social Media-Stelle geführt hat, sind wir gut vorangekommen. Aktuell kann beispielsweise jetzt jede Lehrkraft und jeder Gemeindepädagoge das vielfältige Angebot der Evangelischen Medienzentrale kostenfrei herunterladen. Im Landeskirchenrat haben wir im Oktober eine Vorlage verabschiedet, die Kirchengemeinden empfiehlt, kostenloses WLAN anzubieten. Dies ist vor allem auch für Jugendliche wichtig. Daniel Dietzfelbinger arbeitet derzeit federführend zusammen mit Kollegen an einer Digitalstrategie für die bayerische Landeskirche. Unterstützt wird er dabei auch durch den neuen Beauftragten für Ethik im Dialog mit Technik und Naturwissenschaften, Dr. Zeilinger, der sich schwerpunktmäßig um die gesellschaftlichen und ethischen Implikationen der Digitalisierung kümmert. Erwähnen will ich in diesem Zusammenhang auch unbedingt die Chats des Landesbischofs; neue Wege, um Menschen dort zu treffen, wo sie sind. Sie sehen, insgesamt sind wir auf dem Feld der Digitalisierung schon ganz ordentlich unterwegs.

epd: Alle diese kirchlichen Reformprozesse wollen das evangelische, das christliche Profil, schärfen. Steht dem nicht die Aufweichung der ACK-Klausel entgegen, wonach auch Menschen anderer Religion oder ohne Religion in Kirche und Diakone arbeiten können?

Bierbaum: Um gleich einem Missverständnis vorzubeugen: Grundsätzlich bleibt die Zuordnung zur evangelischen Kirche oder einer christlichen Kirche, die Mitglied der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK) ist, Voraussetzung für eine Mitarbeit in Kirche und Diakonie. Die neue Regelung lässt jedoch in begründeten Fällen Ausnahmen zu, wenn es etwa zu wenige Pflegekräfte mit kirchlicher Einbindung gibt. Man kann in einem solchen Fall nicht vorschnell sagen: "Na, dann schließen wir eben diese Einrichtung!" Damit würden wir hilfsbedürftige Menschen im Regen stehen lassen.

epd: Geht das dann aber nicht doch zu Lasten des Profils?

Bierbaum: Eindeutig nein! Denn zum einen ermöglicht die neue Regelung eine kultursensible Pflege, wenn sich etwa ein muslimischer Krankenpfleger um muslimische Patienten kümmern kann. Zum anderen geht es um den Charakter und die Atmosphäre einer sozialen Einrichtung. Dieses Klima bestimmt die Pflegedienstleitung, die sich der Kirche verbunden weiß, sie prägt das Haus. Das ist der entscheidende Punkt. Um neue Mitarbeitenden mit dem "Geist" einer evangelischen Einrichtung vertraut zu machen, gibt es inzwischen zwei verpflichtende "Willkommenstage". Ich bin sehr dankbar, dass die diakonischen Träger und Einrichtungen dies unterstützen und ihre Mitarbeitenden zwei Tage freistellen, was ja auch eine erhebliche finanzielle Belastung ist. Nach Abwägung aller Argumente stehe ich voll und ganz hinter der neuen Regelung, weil sie uns neue Möglichkeiten gibt und sogar eine missionarische Dimension, wenn etwa religionslose Mitarbeitende mit dem Geist einer kirchlichen Einrichtung vertraut gemacht werden. (00/3468/14.11.2017)

epd lbm as cr

epd-Gespräch: Achim Schmid