Kirche
"Ein Ort, an dem man mit dem Erschütternden umzugehen lernt"
Drei Fragen an Pfarrer Björn Mensing zur kirchlichen Gedenkstättenarbeit
Flossenbürg (epd). Gedenkstättenbesuche können eine Chance sein - wenn sie qualifiziert begleitet werden. Wie das aussehen kann, damit befasst sich die Arbeitsgemeinschaft für kirchliche Gedenkstättenarbeit. Von Montag (5. März) bis Mittwoch (7. März) tagt sie im oberpfälzischen Flossenbürg. Etwa 20 evangelische und katholische Geistliche aus dem gesamten Bundesgebiet nehmen daran teil. Einer von ihnen ist der Theologe und Historiker Björn Mensing von der evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Am Rande der Tagung erklärte er, warum Gedenkstättenarbeit gerade heute so wichtig ist.

epd: Herr Mensing, die bundesweite Arbeitsgemeinschaft der kirchlichen Gedenkstättenarbeit trifft sich zum ersten Mal in der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Flossenbürg. Warum gerade an diesem Ort?

Björn Mensing: Flossenbürg ist die KZ-Gedenkstätte in Deutschland, die durch ihre grenznahe Lage gekennzeichnet ist. Hinzu kommt, dass sich ein Großteil der Außenlager des KZ Flossenbürgs im Bereich der heutigen Tschechischen Republik befand. Wir werden deshalb auch eine Exkursion dorthin machen, um uns der grenzüberschreitenden Erinnerungsarbeit zu widmen. Das ist das Besondere an diesem Ort und steht deshalb im Mittelpunkt des Treffens. Wir werden dabei intensiv ein neues Projekt kennenlernen, das die Evangelische Jugend Weiden mit Partnern in Tschechien und mit Unterstützung der Europäischen Union gestartet hat: grenzüberschreitende Jugendarbeit für Versöhnung und Verständigung in Bayern und Tschechien.

epd: Auch ein tschechischer Pfarrer der Böhmischen Brüder aus Cheb (Eger) begleitet Sie dabei. Um welche Art der Versöhnung geht es dabei?

Mensing: Wir werden nicht nur Außenlagerorte in der Tschechischen Republik besuchen, sondern auch Orte, an denen um das Kriegsende herum Verbrechen an der sudetendeutschen Bevölkerung geschehen sind - im Rahmen von Flucht und Vertreibung, auch an Menschen, die sich nicht als Nazitäter in der Besatzungszeit schuldig gemacht hatten. Da ist das gemeinsame Gedenken an wechselseitige Opfer zwischen 1938 und 1948 ein sehr unmittelbares Anliegen im Sinne der deutsch-tschechischen Versöhnungsarbeit.

epd: Worin besteht das Kerngeschäft kirchlicher Erinnerungsarbeit?

Mensing: Wir meinen, dass es ein wichtiger Auftrag der Kirche an unserem Gemeinwesen ist, dass wir Menschen, die Gedenkstätten aufsuchen, eine Perspektive eröffnen, die über eine bloße Vermittlung historischer Fakten hinausgeht. Ich kann das am Beispiel Dachau erklären, wo ich seit zwölf Jahren hauptberuflich als evangelischer Pfarrer und promovierter Historiker arbeite: In den ersten zwei Stunden unterscheidet sich der informierende Rundgang über das Gelände des früheren Konzentrationslagers nicht wesentlich von Führungen, die andere anbieten. Aber wir beenden die Rundgänge in den Räumen der evangelischen Versöhnungskirche, die auf dem Gedenkstättengelände liegt. Wir laden ein, mit den Eindrücken umzugehen, eine Kerze als Zeichen des Gedenkens an konkrete KZ-Opfer zu entzünden oder eigene Gedanken in das Besucherbuch zu schreiben. Wir bieten einen Ort, an dem man mit dem Erschütternden umzugehen lernt. Zugleich hoffen wir, dass diese Art biografischer Erinnerung sensibilisiert im Blick auf aktuelle Gefahren von Ausgrenzung, Rassismus und andere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Das denke ich macht kirchliche Gedenkstättenarbeit aus. (00/0726/05.03.2018)

epd lbm gi bbi

epd-Gespräch: Gabriele Ingenthron