Wenn ein Gaffer ertappt wird

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QR-Rettungswagen der Johanniter
Berlin, Winnenden (epd).

Rettungssanitäter Kevin Grigorian kann sich noch gut an die Situation mit dem Motorradfahrer erinnern, der schwer gestürzt war - und zwar mitten im Stadtverkehr, unweit einer dieser gewaltigen Berliner Kreuzungen mit vier Tramhaltestellen. Als er mit seinem Rettungswagen ankam, war die Unfallstelle bereits voll mit Menschen, die sich das Geschehen ansahen oder sogar filmten. Erst als die Polizei kam und die Unfallstelle abriegelte, war ein konzentriertes Arbeiten möglich. „Aber das war nichts Außergewöhnliches. Generell kann man sagen: Je deformierter das Unfallfahrzeug, desto mehr wird sich drumherum versammelt“, sagt Grigorian.

Er arbeitet bei den Johannitern. Situationen, in denen Gaffer und Voyeure seinen Einsatz erschweren, erlebt er oft. Damit sie seltener werden, hat sich die Organisation ein Pilotprojekt ausgedacht: „Gaffen tötet!“ heißt es. Auf ausgesuchten Rettungswagen der Johanniter wird ein QR-Code angebracht. Filmt nun jemand bei einem Unfall das Geschehen mit seinem Handy und das Rettungsfahrzeug gerät in den Fokus der Kamera, wird das Smartphone seinem Besitzer automatisch eine Frage stellen: „Wollen Sie diese Seite öffnen?“ Anschließend wird der Nutzer weitergeleitet auf eine Webseite, die ihn darüber aufklärt, dass Gaffen eine Straftat ist, die mit bis zu zwei Jahren Haft geahndet werden kann - so lautet die Idee des Projekts.

„Verhalten bewusstmachen“

„Wir wollen den Leuten ihr Verhalten bewusstmachen“, sagt Grigorian. Kaum jemand wolle wissentlich etwas Falsches machen, sondern viele Menschen folgten einfach einem Impuls. Die wolle man erreichen. „Jemanden, der eigens losfährt, um Unfälle zu sehen, kann man so nicht ändern. Aber das sind die Wenigsten. Leute, die in der Situation spontan zu ihrem Handy greifen: Die kriegt man wachgerüttelt.“ Vielen Unfallzeugen sei gar nicht bewusst, dass sie die Grenze zum Voyeur überschreiten - und ein simpler Hinweis könne zum Umdenken anregen.

Ursprünglich hatten die Johanniter ihr Pilotprojekt auf Berlin beschränken wollen. Doch nachdem viele Regionalverbände Interesse angemeldet hätten, wird nun flächendeckend im ganzen Land getestet. Zunächst geht es auch darum herauszufinden, welche Größe für den QR-Code die beste ist und an welcher Stelle am Rettungswagen er genau angebracht sein sollte. Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt von der Akkon-Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin. „Die innovative Idee hat das Potenzial, eine sehr breite Öffentlichkeit zu erreichen und viele Menschen zum Umdenken zu bewegen“, sagt Johanniter-Vorstand Jörg Lüssem.

Björn-Steiger-Stiftung skeptisch

Zweifel meldet die Björn-Steiger-Stiftung an, die sich zum Ziel gesetzt hat, das Rettungswesen in Deutschland zu verbessern. Geschäftsführer Ulrich Schreiner fürchtet, dass Einsatzfahrzeuge durch den QR-Code schwerer als solche zu erkennen sein könnten. „Diese sollen auffällig lackiert sein und gut sichtbar herausstechen. Wenn der QR-Code zu groß ist, hätte ich ein bisschen Sorge wegen der Sichtbarkeit der Leuchtfarbe.“ Auch sei zu bedenken, dass viele Gaffer aus einem fahrenden Auto heraus filmen. „Wenn jemand von seinem Handy auf die Internetseite gelenkt wird - der kriegt doch gar nicht mit, wie sein Vordermann bremst.“

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) verweist auf eine Umfrage, bei der nach dem größten Ärgernis rund um die Erste Hilfe gefragt wurde. „Die Befragten wählten zu 92 Prozent die Antwort 'Menschen, die mit dem Handy filmen, statt zu helfen' und zu 88 Prozent die Antwort 'störende Gaffer'“, sagt DRK-Präsidentin Gerd Hasselfeldt. Dieses Ergebnis belege ein durchaus vorhandenes Problembewusstsein. Hasselfeldt appelliert: „Statt untätig herumzustehen oder gar zu stören, ist es wichtig, den Anweisungen der Einsatzkräfte zu folgen und wo es geht zu helfen.“

Von Sebastian Stoll (epd)