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Bürgermeister Arno Schmidt an der Bushaltestelle in Wildemann
Clausthal-Zellerfeld (epd).

Arno Schmidt beugt sich herunter und entziffert mit zusammengekniffenen Augen den Fahrplan. An der Haltestelle mitten im Oberharzer Ort Wildemann fährt allerdings die nächsten zwei Stunden kein Bus mehr. Für den 77-jährigen Ortsbürgermeister ist das keine Überraschung: „Der Nahverkehr ist nicht bedarfsgerecht.“ Ohne ein Auto kommen die wenigsten der 800 Einwohner des niedersächsischen Ortes in das etwa zehn Kilometer entfernte Clausthal-Zellerfeld oder weiter.

Initiativen wie das bundesweite 9-Euro-Ticket haben hier kaum Wirkung gezeigt, vermutet Schmidt, der seit seiner Geburt in Wildemann lebt: „Die Busse sind leer.“ Morgens fährt ein zusätzlicher Bus, um die Schüler zu befördern, ansonsten: ein Bus alle zwei Stunden. Die Eisenbahnstrecke gibt es seit den 1970er-Jahren nicht mehr.

Wer durch die Straßen läuft, merkt gleich, warum die Bewohner den Weg aus dem idyllischen Tal heraus auf sich nehmen müssen: Wo einst Bäckerei und Fleischerei waren, befinden sich leere Schaufenster. Die letzte Arztpraxis hat vor zwei Jahren zugemacht. Neben ein paar Gaststätten existiert lediglich ein kleiner Genossenschaftsladen. Ein Großteil der Bewohner Wildemanns sei mehr als 70 Jahre alt, sagt Schmidt.

Modellprojekt mit Kleinbussen

Vor der Touristen-Information sind ein paar niederländische Wanderer angekommen, ansonsten ist es ruhig. Die 54-jährige Anja Heinicke hält hinter einem großen Schreibtisch die Stellung. Sie betreut in der Info-Stelle der „Bergstadt“ zudem eine kleine Poststelle und ist auch „Seelsorgerin“, wie sie lächelnd ergänzt. Seitdem vor ein paar Jahren auch die Bank zugemacht hat, hilft sie den älteren Bewohnern auch schon mal, wenn der Geldautomat an der Tür die Karte geschluckt hat.

Schmidt und Heinicke sind sich einig: Das jetzige Bus-System sei mehr schlecht als recht. Beide geraten jedoch ins Schwärmen, wenn sie an die Kleinbusse denken, die vor ein paar Jahren durch Wildemann fuhren und die Menschen nach vorheriger Anmeldung einsammelten und zu ihrem beliebigen Ziel fuhren. „Die haben meinen Sohn in seiner Feierphase nachts vor der Haustür abgesetzt, das war ideal“, erinnert sich Heinicke. Der sogenannte EcoBus war ein Modellprojekt des Göttinger Max-Planck-Instituts.

Genau dieses System der sogenannten Rufbusse befürwortet auch der Mobilitätsforscher Andreas Knie. Die getakteten Linienbusse funktionierten noch gut in Ballungsräumen, unterstreicht der Berliner Soziologe. „Aber in den zersiedelten Gegenden, die wir in Deutschland typischerweise vorfinden, haben Busse keine Bedeutung mehr.“ Bequemer, ökonomischer und ökologischer wäre es, die Menschen auf einzelne Wagen zu verteilen und nicht mit großen Diesel-Bussen durch die Gegend zu fahren, die nur zu zehn Prozent gefüllt seien. „Das ganze System des ländlichen Raums kostet viel Geld, das der Staat zahlt.“

In Wildemann sei das EcoBus-System eingestellt worden, weil es mit dem bestehenden öffentlichen Nahverkehr konkurrierte, sagt Stephan Herminghaus, Professor am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation. Allerdings seien nach der Projektlaufzeit von sieben Monaten 30 Prozent der Einwohner registrierte Kunden gewesen. „Man hat uns das Produkt aus der Hand gerissen.“

In anderen Städten wie Leipzig sei das System, das „von der Stange erworben werden kann“, allerdings bereits auf die Straße gebracht worden, betont Herminghaus. „Im Harz könnte dies meines Wissens ebenfalls geschehen, wenn sich die politischen Akteure dazu entschließen.“

Umsteigen „mitten in der Botanik“

Bis dahin sind allerdings die meisten Menschen in Wildemann mit dem Auto unterwegs. Auch die 62-jährige Bankkauffrau und Kirchenvorstandsvorsitzende Christiane Hermschemeier fährt täglich mit dem Pkw zur Arbeit nach Clausthal-Zellerfeld. „Gelegentlich nehme ich Leute mit, die an der Haltestelle stehen, wenn der Bus nicht kommt.“ Sie selbst sei auch schon zweimal abends mit dem öffentlichen Verkehr gestrandet. „Da muss man gut vernetzt sein“, sagt Hermschemeier schmunzelnd.

Wollen die Kirchenmitglieder die Nachbargemeinde besuchen, mit der sie seit Jahren verbunden sind, müssten sie bis zu einer Stunde Umsteigezeit „mitten in der Botanik“ einplanen, berichtet Hemschemeier. An der Haltestelle an der offenen Landstraße steht lediglich ein einsames Schild.

Laut der Hamburger Mobilitätsexpertin und Autorin Katja Diehl könnten die Lücken zur nächsten Haltestelle beispielsweise mit E-Scootern oder Leihfahrrädern überbrückt werden. „Jeder sollte das Recht haben auf ein Leben ohne eigenes Auto“, fordert Diehl kategorisch. Auch die Rufbusse zählen zu ihren favorisierten Lösungen. Diese könnten sogar barrierefreier sein, als einen Fahrplan lesen oder die nächste Haltestelle finden zu müssen. Dass diese Systeme funktionierten, werde beispielsweise in Murnau bei München deutlich, wo zwei Familienväter ein vorbildliches Rufbussystem gegründet hätten, schwärmt Diehl.

Auch Ortsbürgermeister Schmidt würde sich freuen, wenn die kleinen EcoBusse wieder durch Wildemann fahren würden. Der Landkreis bietet immerhin den älteren und körperlich beeinträchtigten Menschen einmal in der Woche eine Fahrt von der Haustür zum Einkaufen an. Schmidt selbst will so lange wie möglich in Wildemann wohnen bleiben, wo er mit seiner Frau auch eine Ferienwohnung betreibt. „Es ist einfach mein Ort, hier bin ich zu Hause.“

Von Charlotte Morgenthal (epd)