s:91:"Pam Koerner und Ruben Faust vom Projekt "HelfAHRwein" im Weinberg oberhalb von Bad Neuenahr";
Pam Koerner und Ruben Faust vom Projekt "HelfAHRwein" im Weinberg oberhalb von Bad Neuenahr
Erlös aus dem Verkauf des "HelfAHRweins" geht in den Wiederaufbau
Bad Neuenahr-Ahrweiler (epd).

24 Treppenstufen führen hinab in die Katakomben des Winzervereins Ahrweiler. In fünf Metern Tiefe ist es stockdunkel. Auf dem Boden stehen Pfützen, und es riecht modrig. In dem Kellerlabyrinth, das so groß ist wie anderthalb Fußballfelder, lagerte bis zur Hochwasserkatastrophe vor 14 Monaten das flüssige Gold der Genossenschaft. In der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 barsten viele der alten Eichenholzfässer. Ihr Inhalt ergoss sich in die mit Erdöl, Fäkalien und Pestiziden kontaminierte Flut und gerann in kurzer Zeit zu einer zähen braunen Masse.

„Das Wasser im Gewölbekeller stand bis unter die Decke und erreichte noch auf dem Gelände 1,20 Meter Höhe“, erinnert sich Ruben Faust. „Es stank bestialisch.“ Der 58-jährige Unternehmensberater aus dem nahegelegenen Bonn war einer der Ersten, der auf dem Gelände der Winzergenossenschaft Hand anlegte, rund 350 Meter von der wildgewordenen Ahr entfernt. Zusammen mit Hunderten anderen Freiwilligen bildete er eine Kette, um die Kellerräume, die Gebäude und den Hof von Schlamm und Unrat zu befreien. Endlose Tage lang.

Eichenholzfässer zerstört

In der Flutnacht wurden nach Angaben von Betriebsleiter Alexander Müller 75 der jeweils 1.000 Liter fassenden Eichenholzfässer, die gesamte technische Ausrüstung, alle Traktoren und Gabelstapler zerstört und die Abfüllanlage schwer beschädigt. „Die Anlage konnte zwar repariert werden, doch der Verlust der jeweils rund 7.000 Euro teuren Holzfässer wiegt schwer“, sagt der 31-jährige Winzer und Weinbauingenieur. Auch gebe es hierzulande kaum noch Küfer, die für Ersatz sorgen könnten. Geschäftsführer Stephan Esser, dessen Familie wie auch die von Müller massiv von der Flut betroffen war, beziffert den entstandenen Schaden auf 1,2 Millionen Euro.

Die Kölnerin Pam Koerner stieß im August zu der Winzergenossenschaft und half bei der Rettung und Reinigung von mehr als 200.000 unbeschädigten Flaschen, die später verkauft wurden. Zur Lesezeit im Herbst organisierte die 48-jährige Personalleiterin zusammen mit Ruben Faust und weiteren Freiwilligen ein „Wanderlust-Bistro“. Sie schenkten „Flutwein“ aus, kredenzten Knabberzeug dazu und verkauften zahlreiche der geretteten Flaschen. Das Bistro rechnet sich, und die Einheimischen freuen sich über „ein weiteres Stückchen Normalität“, wie Pam strahlend hervorhebt.

„Ohne die Freiwilligen hätten wir es nicht geschafft“, betont Müller. Inzwischen riefen wieder regelmäßig Menschen an oder kämen vorbei, um Wein zu kaufen. Weil die große Weinprobierstube im Keller ebenfalls zerstört und das Wein-Café noch immer geschlossen ist, improvisiert der Betriebsleiter irgendwo im kühlen Bauch der Genossenschaft eine Weinprobe. Noch sind das Einzelfälle. Deshalb wünscht er sich nichts sehnlicher, „als dass die Wanderer und Touristen wiederkommen und das Ahrtal nicht in Vergessenheit gerät“. Auch Handwerker sollten - bitteschön - darunter sein.

Patenschaften für Rebstöcke

Warum sehen sich die Ersthelfer noch mehr als ein Jahr nach der Katastrophe beim Winzerverein in der Pflicht? „Weil wir uns sehr sympathisch sind, ein ähnliches Wertegerüst haben und nachhaltig wirken wollen“, sagen Ruben und Pam. Deswegen haben sie Anfang des Jahres das Projekt „HelfAHRwein“ gestartet. Zusammen mit Ideengeber Wolfgang Külper, Andrea Hadrian und etwa zehn Gleichgesinnten bewirtschaften sie unter Anleitung der Winzer einen Weinberg am Daubhaus oberhalb von Bad Neuenahr.

Sie schneiden die Reben, biegen, stecken, hängen Pheromonfallen gegen Traubenwickler auf, entfernen Laub und schauen den Spätburgundertrauben beim Wachsen zu. Gleichzeitig beginnen sie damit, auf der Homepage „helfahrwein.de“ die Rebstöcke zu vermarkten und Patenschaften für 29 und 79 Euro anzubieten. Unternehmen können sogar für 700 Euro eine ganze Rebstock-Reihe buchen. Der Erlös fließt vollständig in den Wiederaufbau des Winzervereins.

„Die Patenschaft für 29 Euro umfasst ein Holzschild mit dem Namen des Paten am Rebstock, eine Urkunde sowie ein Dankepaket mit einer Flasche “HelfAHRwein„, einer Bioback-Mischung für drei Baguettes und einem “KräutAHRsalz", erläutert Pam Koerner. Ende August waren bereits mehr als die Hälfte der 1.000 Rebstöcke mit einem Schild versehen. In der Vorweihnachtszeit sollen die Pakete verschickt werden.

„Geplant ist, aus den Trauben des 'HelfAHR-Weinberges' einen Blanc de Noir zu keltern“, verrät der Ruheständler Külper. „Der Wein des 2022er Jahrgangs wird sehr gut“, fügt Pam hinzu und lässt den Blick schweifen über das Rebstöcke-Meer am Daubhaus mit seiner süßen Traubenlast.

Von Dieter Schneberger (epd)