Kinderparadies im Nudeldampfer

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Haus Schminke in Löbau
Architekt Scharoun schuf in Löbau ein ungewöhnliches Alltagsgebäude
Löbau (epd)

Die Türen haben farbige Bullaugen, der Balkon ähnelt einer Kommandobrücke, die Außentreppe einer Reling. Auch fast 90 Jahre nach seiner Entstehung sorgt das mehrstöckige Haus für Faszination. Wer im sächsischen Löbau die Kirschallee entlangkommt, erwartet dort aber zunächst kein Architekturjuwel. Die in der 80er Jahren an der schmalen Straße aufgereihten Einfamilienhäuser erinnern eher an Kleinstadtidylle. Unerwartet mittendrin und verborgen befindet sich eines der schönsten Häuser der Klassischen Moderne: das Haus Schminke.

Wie ein elegantes Schiff liegt es am nordwestlichen Stadtrand vor Anker - direkt hinter der einstigen Nudelfabrik. Hans Scharoun (1893-1972), beteiligt am Bau der Stuttgarter Weißenhofsiedlung und Schöpfer der Berliner Philharmonie, hat das Gebäude zwischen 1930 und 1933 für und mit dem Löbauer Nudelfabrikanten Fritz Schminke und seiner Frau Charlotte entworfen. Der aus Bremerhaven stammende Architekt versteht es als ein "Lebensschiff" für die ganze Familie. Der Volksmund spricht vom "Nudeldampfer".

Auf Scharoun sei das kunstinteressierte und weltoffene Ehepaar Schminke 1929 bei einer Bauausstellung in Breslau aufmerksam geworden, erzählt Merte Stork von der 2009 gegründeten Stiftung Haus Schminke, die das Gebäude für die Öffentlichkeit zugänglich hält. Ein Jahr später erteilen sie ihm den Auftrag für die Planung ihres künftigen Eigenheims.

Schlüsselwerk des Organischen Bauens

Die Vorgaben sind knapp und pragmatisch: Gewünscht werde "ein modernes Haus für zwei Eltern, vier Kinder und gelegentlich ein bis zwei Gäste", zitiert Stork aus den Bauunterlagen, die in der Berliner Akademie der Künste erhalten sind. Der Blick auf den Garten soll frei sein und das Haus viel Sonnenlicht bekommen. Alles soll praktisch und leicht zu bewirtschaften sein.

Scharoun ist es wichtig, die künftigen Nutzer und ihre Gewohnheiten kennenzulernen, um das Haus nach ihren Bedürfnissen auszurichten. Er habe im engem Austausch mit den Schminkes gestanden, sagt der Berliner Architekt und Bauhistoriker Klaus Kürvers. Das Haus sei ein Schlüsselwerk des sogenannten Organischen Bauens.

Die Methode gehe von einem Mustergrundriss aus, der jeweils individuell gestaltet und "exakt auf den Ort angepasst wird", sagt Kürvers, der 1996 seine Dissertation zum Haus Schminke vorlegte. Aus einem Saatkorn werde quasi ein Baum - jeder anders einzigartig. Das Fabrikantenhaus gilt als eines der familienfreundlichsten Wohnhäuser seinerzeit. In der zentralen Halle mit Wohn-, Ess- und Kinderbereich spielte sich das gesamte Familienleben ab. Die Küche ist ein Raum der kurzen Wege, eine moderne Einbauküche. Scharoun entwirft aus der Perspektive der Jüngsten. Unter anderem sind die Fenster im Spielbereich so niedrig, dass der Nachwuchs bei geöffnetem Zustand mühelos hinaus- und hineinklettern kann.

Ein Wintergarten sorgt für optimales Raumklima und die Verbindung nach draußen. Die Decke dort ist knallorange gestrichen und erinnert an die frühere Farbigkeit der Räume. Die klare Ornamentik des Hauses - Kreise, Quadrate und Dreiecke - ist vom Bauhaus inspiriert.

Es sei ein "maßgeschneiderter Entwurf mit der größtmöglichen Funktionalität und in künstlerischer Freiheit" entstanden, sagt Stork. Scharoun selbst sagte über sein Löbauer Projekt: "das Haus, das mir das Liebste war...!"

Nutzung als sozialistischer Jugendclub

Die jüngste Schminke-Tochter, Helga Zumpfe, beschreibt es später als "heiteren Ort des Lebens". Dass die Familie sehr offen war, zeigt nicht zuletzt die Aufnahme des jüdischen Mädchens Ello Hirschfeld. Die Tochter des Bauhäuslers Ludwig Hirschfeld-Mack (1893-1965) überstand bei den Schminkes die NS-Zeit. Auch sie erzählt später, dass das Haus in ihrer Kindheit für eine unbeschwerte Zeit sorgte.

Allerdings wird es nur fünf Jahre in seiner ursprünglichen Bestimmung genutzt. Ab 1938 ist Vater Schminke bei der Luftwaffe. Nach 1945 gerät er in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Sohn Harald stirbt 1943 auf dem Russland-Feldzug. Charlotte Schminke versucht nach dem Krieg, das Haus für die Familie zu retten, richtet ein Erholungsheim für kriegsgeschädigte Kinder ein. 1951 verlässt sie jedoch die DDR.

Danach dient das Haus unter anderem als sozialistischer Jugendclub und geht schließlich nach der Enteignung der Familie in das Eigentum der Stadt Löbau über. Bis 1989 ist es "Haus der Pioniere". Nach 1990 verzichten die Schminke-Erben auf eine Rückübertragung zugunsten einer öffentlichen Nutzung. Die umfassende Sanierung beginnt 1999. Schließlich taucht das Lebensschiff Ende 2000 wieder auf.

Von Katharina Rögner (epd)