Bürgerschreck mit Methode

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Die Bundeskunsthalle zeigt eine Retrospektive über Rainer Werner Fassbinder
Bonn (epd).

Rainer Werner Fassbinder (1945-1982) lebte schnell. In seinen nur 37 Lebensjahren schuf er eine ungeheuer große Zahl an Filmen und Theaterstücken. Sein Rezept sei unter anderem seine äußerst strukturierte Arbeitsweise gewesen, lautet die These der Ausstellung „Methode Rainer Werner Fassbinder. Eine Retrospektive“, die in der Bonnder Bundeskunsthalle zu sehen ist. „Er war so fokussiert, dass er beim Dreh schon genau wusste, was er wollte“, pflichtet seine frühere Cutterin Juliane Maria Lorenz-Wehling bei. Fassbinder habe nie mehr als drei Einstellungen einer Szene gedreht, sagt die heutige Präsidentin der Rainer Werner Fassbinder Foundation. Das gedrehte Filmmaterial sei immer schon bereits am nächsten Tag fertig zusammengeschnitten worden.

„Fassbinder war einer der einflussreichsten Regisseure der Nachkriegszeit in Deutschland“, erklärt die Intendantin der Bundeskunsthalle, Eva Kraus. Der Regisseur, Drehbuchautor, Dramatiker, Schauspieler und Filmproduzent gilt als einer der wichtigsten Vertreter des Neuen Deutschen Films der 70er und frühen 80er Jahre. Bekannt wurde Fassbinder unter anderem mit Filmen wie „Die Ehe der Maria Braun“, „Angst essen Seele auf“ oder den Fernsehproduktionen „Berlin Alexanderplatz“ und „Acht Stunden sind kein Tag“.

Vielfach wurde Fassbinder in der Presse als „Bürgerschreck“ oder „Enfant terrible“ wahrgenommen. Viele seiner Themen wie Antisemitismus, Migration, Rollenklischees, Spießertum oder Queerness stießen in den 60er und 70er Jahren auf Ablehnung, sind aber bis heute aktuell. Fassbinder habe „Sozialkritik in wunderschöne Kinoplots umgesetzt“, sagt Kraus.

Reise durch Leben und Schaffen

Die chronologisch aufgebaute Retrospektive in der Bundeskunsthalle, die bis zum 6. März 2022 zu sehen ist, bietet eine Reise durch das Leben und Schaffen Fassbinders. Ein durch die gesamte Ausstellung verlaufender 100 Meter langer Zeitstrahl verknüpft seine biographischen und künstlerischen Lebensstationen mit zeithistorischen Ereignissen. Zu sehen sind mehr als 850 Exponate, darunter Fotografien, Original-Drehbücher, Briefe und Filmkostüme. In vier Projektionsräumen werden zahlreiche Ausschnitte seiner Filme gezeigt.

Den Ruf als Chaot habe Fassbinder zu Unrecht gehabt, sagt Kuratorin Susanne Kleine. „Fassbinder war sehr strukturiert. Sonst hätte er dieses Werk gar nicht schaffen können.“ Der Regisseur drehte ab 1966 insgesamt 45 Filme, bevor er 1982 mit nur 37 Jahren starb. Außerdem war er Produzent oder Ko-Produzent von 26 Filmen und trat in 21 Filmen anderer Regisseure sowie in 19 eigenen als Schauspieler auf. Zudem schrieb er 14 Theaterstücke und inszenierte 25 Stücke. Er schuf vier Hörspiele und 37 Drehbücher. An weiteren 13 Drehbüchern arbeitete er mit.

Akribische Arbeit

Die Ausstellung belegt die unermüdliche, rastlose und akribische Arbeit Fassbinders anhand zahlreicher Dokumente aus dem Fassbinder Center im Deutschen Filminstitut & Filmmuseum in Frankfurt am Main. Der Filmemacher schien pausenlos Gedanken und Einfälle niederzuschreiben - auf Umschläge, Zettel oder Telegramme.

„Was das Filmemachen anbetrifft oder das Arbeiten an sich, da bin ich ein ordentlicher Mensch,“ sagte Fassbinder einmal von sich selbst. Davon zeugen unter anderem Auszahlungsmodelle, in denen Fassbinder die Entlohnung seiner Schauspielerinnen und Schauspieler genau auflistete oder akribische Szenenplanungen. Beeindruckend sind Auszüge der 78-stündigen Original-Tonaufnahme, in der Fassbinder das Drehbuch zur 14-teiligen Serie „Berlin Alexanderplatz“ frei diktiert.

Zu Fassbinders Methode gehörte auch die „Familienbildung“. Er, der als Scheidungskind aufwuchs und wegen der Krankheit seiner Mutter in unterschiedlichen Internaten untergebracht war, versammelte eine Ersatzfamilie um sich. Er arbeitete mit einem Stamm von Schauspielerinnen und Schauspielern zusammen, von denen viele durch seine Filme bekannt wurden, darunter Hanna Schygulla, Irm Hermann, Barbara Valentin, Eva Mattes, Karlheinz Böhm, Günter Lamprecht oder Walter Sedlmayr.

Er habe seine Darstellerinnen und Darsteller mit in seinen Schaffensrausch gezogen, erklärt Kleine. Allerdings habe er auch von seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die schonungslose Selbstausbeutung erwartet, die er für sich als selbstverständlich betrachtete. Das habe auch zu Zerwürfnissen geführt.

Von Claudia Rometsch (epd)