Schulterschluss der Kirchen beim Thema Sterbehilfe wackelt

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Georg Bätzing
Bätzing meldet "Gesprächsbedarf" an
Berlin (epd)

Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, hat sich besorgt über unterschiedliche Auffassungen in seiner und der evangelischen Kirche zur Frage der Zulässigkeit des assistierten Suizids geäußert. Er habe "ökumenisch hohen Gesprächsbedarf", sagte der Limburger Bischof am 3. September in Berlin. Er verwies dabei auf den evangelischen hannoverschen Bischof Ralf Meister, der sich für die Möglichkeit ärztlicher Hilfe bei der Selbsttötung ausgesprochen hatte.

Bätzing sagte, in dieser Frage seien die beiden großen Kirchen bislang "fast mit einer Stimme" aufgetreten. Er wisse auch, dass der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, ein hohes Interesse daran habe, "dass wir nah beieinander bleiben", sagte Bätzing und ergänzte: "Wir dürfen uns nicht leicht auseinander dividieren lassen."

Nach Urteil des Verfassungsgerichts

Das Bundesverfassungsgericht hatte das seit 2015 geltende Verbot organisierter Beihilfe zum Suizid gekippt. Beide Kirchen hatten 2015 das Verbot unterstützt. Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts hat die EKD in diesem Jahr ihre Position überarbeitet. Darin heißt es nun auch, dass "Grenzfälle", die keinen anderen Ausweg als die Selbsttötung für sich sehen, nicht alleingelassen werden dürften. Der hannoversche Bischof Meister wurde deutlicher, indem er nach dem Urteil wiederholt sagte, es gebe ein Recht auf ein selbstbestimmtes Sterben.

Der im März zum Vorsitzenden der Bischofskonferenz gewählte Bätzing absolvierte am 3. September seinen Antrittsbesuch bei Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Auch dort habe er das Thema Suizidassistenz angesprochen, sagte Bätzing, ohne nähere Details des Treffens zu verraten. Nach dem Besuch im Kanzleramt stellte er sich den Journalisten in der Hauptstadt vor - mit einem bunten Strauß an Themen von Klima, über Flucht und Migration, Populismus, Corona bis hin zu innerkirchlichen Debatten.

Innerhalb der katholischen Kirche in Deutschland sorgt derzeit vor allem die Vatikan-Instruktion zur Zukunft der katholischen Pfarrgemeinden für Aufregung. In den Augen der Kritiker vernachlässigt sie angesichts des Priestermangels die Rolle von Laien zu sehr, indem sie Leitungsfunktion in Gemeinden nur Priestern zuspricht.

"Irritationen" wegen Vatikan-Instruktion

Auch Bätzing sprach von "Irritationen". Die Instruktion sei im ersten Teil ein "Papier des Mutes und des Aufbruchs", sagte er. Dann gebe es aber einen Bruch "mit einem Rückfall in eine ängstliche, starr kodifizierte, kasuistische Engführung von Rechtsnormen, die uns bei den Herausforderungen, in denen wir stehen, nicht besonders helfen", sagte er. Er kündigte an, darüber auch mit dem Papst sprechen zu wollen, weil es um Notwendigkeiten in der katholischen Kirche gehe. "Wenn diese Fragen berührt sind, dann bin ich auch dazu bereit, dafür zu kämpfen", sagte er.

Trotz Unstimmigkeiten beim Thema Sterbehilfe blickt Bätzing optimistisch auf Fortschritte bei der Ökumene, etwa beim gemeinsamen Abendmahl. Er glaube an einen "erheblichen Fortschritt" beim Ökumenischen Kirchentag, der für nächstes Jahr geplant ist. Bätzing verwies auf das Votum des ökumenischen Arbeitskreises, das dafür plädiert, die wechselseitige Teilnahme an Abendmahl- oder Eucharistiefeier möglich und von der persönlichen Gewissensentscheidung des Gläubigen abhängig zu machen.

Dass der Ökumenische Kirchentag wegen der Corona-Pandemie abgesagt wird, glaubt Bätzing indes nicht. Der Kirchentag "darf nicht ausfallen und er wird nicht ausfallen", sagte er.

Von Corinna Buschow (epd)