Stinkende Müllberge, keine Verantwortung

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In Sfax türmt sich der Müll am Straßenrand
Tunesien findet keinen Ausweg aus der Müllkrise
Sfax (epd).

Ein durchdringender Gestank liegt über Sfax. An den Straßenrändern der zweitgrößten Stadt Tunesiens türmen sich die Müllberge, verrotten oder werden verbrannt. Mehr als zwei Monate lang wurde der Hausmüll der ganzen Region an der Küste im Osten des Landes nicht abgeholt. Die Deponie dafür ist seit Ende September geschlossen, eine andere Müllkippe gibt es nicht. Der Grund: Niemand will die Verantwortung für unangenehme Entscheidungen übernehmen, und keine Gemeinde ruft nach einer Deponie auf ihrem Gebiet.

Eigentlich wird der Müll der Region seit mehr als zehn Jahren in Agareb vergraben, rund 30 Kilometer von der Hafenstadt Sfax entfernt. Doch der Protest der Bürgerinnen und Bürger der 30.000-Einwohner-Stadt wurde in den letzten Jahren immer lauter. „Agareb liegt in einer Senke, hier sammelt sich der ganze Gestank“, erklärt Sami Bahri, Aktivist der Bewegung #manich_msab (Arabisch für „Ich bin keine Müllkippe“), die für die Schließung der Deponie kämpft.

Laut Bassem Ben Ammar, der seit mehr als 20 Jahren als Allgemeinmediziner in Agareb praktiziert, hat die Zahl der Atemwegs-, Krebs- und Infektionskrankheiten massiv zugenommen, seit 2008 die Müllkippe am Rande der Kleinstadt eröffnet wurde. „Lungen-, Atemwegserkrankungen, Asthma. Außerdem Allergien und Hautkrankheiten, Leukämien und Lungenkrebs“, zählt er auf.

„Dialog aus Tränengas und Schrotmunition“

In den vergangenen zwei Jahren hat sich der Protest gegen die Deponie in Agareb verstärkt: Die Gruppe rund um #manich_msab blockierte mehrfach die Hauptstraße für die Müllwagen und versammelte immer mehr Bewohnerinnen und Bewohner hinter sich. Die staatliche Abfallbehörde sagte den Aktivisten schließlich zu, die Deponie zum Jahresende 2021 zu schließen, ein Gerichtsurteil von 2019 sieht ebenfalls eine Schließung vor. Doch bis heute hat die Regierung keine Alternative präsentiert. Als die Müllkippe Ende September für einige Tage geschlossen wurde, ohne dass die Betreiber einen Grund nannten, wähnten sich die Aktivisten am Ziel und verhinderten die erneute Öffnung. Seitdem türmt sich der Müll in Sfax.

Im November versuchte die Polizei noch einmal, die erneute Öffnung der Deponie durchzusetzen. Bei den Protesten kam ein Bewohner von Agareb ums Leben. Er sei zu Hause eines natürlichen Todes gestorben, erklärte dazu das Innenministerium. Die Bürger der Kleinstadt berichten, er sei an Tränengas erstickt. „Die Umweltministerin sagte, es gibt nur den Weg des Dialogs. Wir haben erfahren, dass der Dialog aus Tränengas und Schrotmunition besteht“, sagt Sami Bahri. Er und seine Mitstreiter fühlen sich verraten. „Es ist nicht mehr nur ein Umweltproblem, sondern auch eine Frage der Würde.“

Der pensionierte Journalist und Umweltaktivist Hafedh Hentati verfolgt die Auseinandersetzung um die Deponie von Agareb seit ihren Anfängen. Er kritisiert die schlechte Kommunikation der staatlichen Institutionen. Dadurch habe sich die Situation noch verschärft. „Das ist ein systemisches Problem. Die Müllkrise betrifft nicht nur Sfax, sondern das ganze Land.“

Nachdem der Gewerkschaftsbund UGTT einen Generalstreik in Sfax angekündigt hatte, brachten die Verantwortlichen kurz vor knapp doch noch eine kurzfristige Lösung auf den Tisch: Die Deponie von Agareb werde geschlossen, der Müll aus Sfax sofort abtransportiert und auf staatlichen Liegenschaften zwischengelagert, bis eine neue, langfristige Lagerstätte gefunden werde.

Müll-Zwischenlager am Hafen

Doch nur einen Tag später weigerte sich der Gemeinderat des Ortes, in dem der Abfall nun gelagert werden soll, den Müll anzunehmen. Die Anwohner sperrten die Hauptstraße und zündeten Reifen an, um die Lagerung zu verhindern. Jetzt wurde zwar mit dem Abtransport des Abfalls in Sfax begonnen, und der Müll soll erst einmal am Hafen zwischengelagert werden. Eine Lösung ist das aber nicht.

Was in Sfax und Agareb passiert, könnte sich so ähnlich bald in der Hauptstadt Tunis wiederholen. Denn die Mülldeponie der Drei-Millionen-Einwohner-Stadt ist voll. Eigentlich hätte die Anlage schon Anfang Oktober geschlossen werden sollen. Die Abfallbehörde hat nun die Betriebserlaubnis um sechs Monate verlängert, mangels Alternativen. Unterdessen haben erste Stadtverwaltungen die Bürger bereits gebeten, weniger Müll rauszustellen.

Von Sarah Mersch (epd)