El Salvadors fragwürdiges Bitcoin-Abenteuer

Mexiko-Stadt, San Salvador (epd).

Es war eine historische Entscheidung für die internationale Bitcoin-Comunity: Vor einem Jahr, am 9. Juni 2021, beschloss das Parlament El Salvadors, die Kryptowährung als offizielles Zahlungsmittel einzuführen. Das kleine mittelamerikanische Land war das erste, das diesen Schritt wagte. Das „Bitcoin-Gesetz“ solle Arbeitsplätze schaffen und der Wirtschaft neuen Schwung verleihen, erklärte Präsident Nayib Bukele, dessen Partei „Nuevas Ideas“ das Abgeordnetenhaus dominiert.

Tatsächlich aber sieht die Bilanz schlecht aus: Seit die Regierung die ersten Bitcoins gekauft hat, ist der Kurs der Digitalmünze stark gefallen. Offizielle Angaben darüber, wie viel Geld aus der Staatskasse in die Kryptowährung geflossen ist, gibt es nicht. Die Kurznachrichten des twitterfreudigen Präsidenten lassen jedoch die Kosten nachvollziehen. Demnach hat Bukele bislang 104,2 Millionen US-Dollar (knapp 98 Millionen Euro) in Bitcoins investiert. Und die sind heute nur noch etwa 70 Millionen US-Dollar wert.

An Kreditwürdigkeit verloren

Für einen Staatshaushalt ist das keine große Summe, doch auf dem Kapitalmarkt hat das hochverschuldete El Salvador dadurch an Kreditwürdigkeit verloren. „Die Entscheidung, in Bitcoin zu investieren, hat das Risiko des Landes erhöht, es muss nun den Investoren mehr bezahlen, um Zugang zu internationalen Finanzierungen zu kommen“, urteilt das Investment-Unternehmen Marlin Investment Group. Schon jetzt hat die Regierung Probleme, die Gläubiger zufriedenzustellen. Im kommenden Jahr stehen Forderungen von 800 Millionen US-Dollar an. Die Rating-Agentur Moody's befürchtet, El Salvador könnte 2023 zahlungsunfähig sein.

Bukele verhandelt zwar mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) über einen Kredit von 1,3 Milliarden US-Dollar, doch die Institution forderte den Staatschef auf, sein Bitcoin-Experiment einzustellen. Mit der Kryptowährung könnten Gelder gewaschen und Steuern hinterzogen werden. Vor allem aber sorgten die unkalkulierbaren hohen Kursschwankungen für große Instabilität.

Der Bitcoin-Experte Philipp Mattheis teilt diese Skepsis nicht. „Der Verlust wird erst real, wenn die Regierung das digitale Geld wieder verkauft, und das hat sie ja nicht vor“, erklärt der Buchautor. Tatsächlich hält Bukele am Bitcoin fest, und eine leichte Kurssteigerung in den vergangenen Wochen gibt ihm Rückenwind. „Natürlich existiert für den Staatshaushalt das Risiko, dass sich eine Regierung verspekuliert, aber das passiert nicht nur bei dieser Kryptowährung, sondern auch bei anderen Geschäften, etwa mit strategischen Ölreserven“, betont Mattheis. Er ist überzeugt, dass die Digitalmünze die Wirtschaft des Landes beleben kann.

30 Prozent mehr Urlauberinnen

Beispielsweise den Tourismussektor. Nach offiziellen Angaben sind seit der Einführung des digitalen Zahlungsmittels 30 Prozent mehr Urlauberinnen und Urlauber ins Land gekommen. Bukele hebt „El Zonte“ hervor. An dem als „Surf City“ bekannten Pazifik-Strandort können Touristen vom Hotel bis zum Bier alles mit Bitcoin bezahlen. Der Erfolg solcher Projekte könne Investoren anlocken, hofft Bitcoin-Experte Mattheis.

Doch die Mehrheit des von Armut und Gewalt geprägten Landes kann mit der Kryptowährung wenig anfangen. Zur Einführung spendierte die Regierung jedem, der die digitale Geldbörse „Chivo Wallet“ auf sein Handy lud, ein Startguthaben von 30 US-Dollar. Daraufhin besorgten sich etwa 40 Prozent der Bevölkerung die App, doch mittlerweile tendiert der Download gegen null. In einer Umfrage der Zentralamerikanischen Universität (UCA) geben nur 6,1 Prozent der Befragten an, dass Bitcoin ihre Situation „sehr verbessert“ habe. Der Industrie- und Handelskammer zufolge haben 86 Prozent der kleineren und mittleren Betriebe die Währung nicht genutzt.

Die Zahlen stehen im Missverhältnis zur Beliebtheit Bukeles. 68,1 Prozent der Salvadorianer unterstützen laut der UCA-Umfrage ihren Staatschef, der wegen seines brutalen Vorgehens gegen mutmaßliche Kriminelle international in der Kritik steht. Zugleich hält die umstrittene Bitcoin-Bilanz andere Regierungen nicht von dem Abenteuer ab. Im April beschlossen die Zentralafrikanische Republik und Panama, die Kryptowährung als Zahlungsmittel einzuführen.

Von Wolf-Dieter Vogel (epd)