Streit um Heilpflanze eskaliert

Apotheker Hans Martin Hirt auf einem Feld
Hans-Martin Hirt besucht zusammen mit dem Mitarbeiter Philip Mateja aus Tansani ein Artemisia Feld in Ammerbuch.
Behörden gehen mithilfe der Polizei gegen Apotheker vor
Waiblingen (epd)

Artemisia annua, der Einjährige Beifuß, ist eine Heilpflanze. Der promovierte Apotheker Hans-Martin Hirt lagert davon derzeit rund eine Tonne in Winnenden (Rems-Murr-Kreis). Allerdings darf er sich seinen Pflanzen nicht mehr nähern. Polizisten haben seine Bestände auf Geheiß des Landratsamts Waiblingen versiegelt und seine Geschäftsräume durchsucht, weil Hirt angeblich mit seinem Produkt gegen die Novel-Food-Verordnung der EU verstößt. Für diesen Donnerstag (2. Juni) hat der Pharmazeut eine Demonstration vor dem Landratsamt angekündigt.

Artemisia enthält 245 Wirkstoffe, die gegen Malaria und multiresistente Keime wirken, bei Krebs helfen sollen und die Immunabwehr boostern. Dass sie die Gesundheit stärken kann, ist unbestritten - die chinesische Pharmakologin Tu Youyou hat für ihre Entdeckung des Anti-Malaria-Wirkstoffs Artemisin 2015 den Medizinnobelpreis erhalten.

Der 71-jährige Hans-Martin Hirt, der seine Doktorarbeit 1976 am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg schrieb, hat die vielfältige Wirkung von Artemisia erforscht und das Gewächs verbreitet. Für den Apotheker, der in den 1980er als christlicher Entwicklungshelfer im damaligen Zaire arbeitete, ist sie ein «Geschenk Gottes». Die Menschen in armen Ländern könnten sich oft keine Tabletten gegen Malaria und andere Krankheiten leisten - aber sie könnten die Pflanze anbauen und daraus einen wirksamen Tee brauen.

   Artemisia ist Hirts Lebensthema geworden. Er hat den Verein «anamed» gegründet, in Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsorganisation eine optimierte Version der Pflanze unter dem Namen «A 3» gezüchtet und zahlreiche Projekte weltweit durchgeführt. So unterstützte das Land Baden-Württemberg den Anbau in Burundi mit 50.000 Euro. Er und sein Team sind für ihr Engagement mehrfach geehrt worden.

   Was der schwäbische Apotheker in Entwicklungsländern trieb, war den Behörden egal. Seit der Verkauf von Artemisia-Produkten aber auch in Deutschland Aufschwung genommen hat, sind gegnerische Kräfte auf den Plan getreten. So hat 2018 eine unbekannte Person ohne Begründung die Pflanze in der Novel-Food-Verordnung als «gefährlich» eingestuft. Seitdem haftet dieser Makel an Artemisia - und bringt die Behörden in Aktion.

Der Verkauf wurde der Firma «teemana» durch das Landratsamt verboten. Ein folgender Rechtsstreit endete im Februar vergangenen Jahres vor dem baden-württembergischen Verwaltungsgerichtshof (VGH) mit einer Niederlage der Artemisia-Züchter. Der VGH vertrat sogar die Ansicht, die Behörde sei zum Einschreiten verpflichtet gewesen. «Ein Entschließungsermessen räumt die Vorschrift nicht ein», teilte das Landratsamt mit.

Für Hirt ist das alles unverständlich. Ein Zulassungsverfahren für die seit Jahrtausenden genutzte Artemisia würde seiner Kalkulation nach rund 2,3 Milliarden Euro kosten - Geld, das er und sein gemeinnütziger Verein «anamed» nicht haben. Der Apotheker vermutet dahinter die Pharmalobby, die in Europa lieber Pillen verkaufe, als untätig der Verbreitung einer preisgünstigen Heilpflanze zusehe.

Die EU-Regeln hält Hirt geradezu für absurd. «Weder Basilikum noch Zimt bekämen heute noch eine Genehmigung», sagt er. Ebenso absurd: Wer im Internet Artemisia-Produkte sucht, findet eine Fülle von deutschen Bezugsadressen. Das Verkaufsverbot scheine eine Besonderheit des Rems-Murr-Kreises zu sein, beklagt er.

Derweil verrottet eine Tonne Artemisia mit einem Schätzwert von 70.000 Euro in Hirts Räumen. Das Landratsamt verlangt laut einem Schreiben, dass die Bestände vernichtet oder in Nicht-EU-Länder exportiert werden. Zudem besteht die Strafandrohung von weiteren 50.000 Euro wegen Übertretens des Verkaufsverbots. Außerdem behalten sich die Behörden eine «Vermögensabschöpfung» für die seit Februar erfolgten Verkäufe vor, es könne sich laut Hirt um noch einmal 50.000 Euro handeln. «Ich soll bankrottisiert werden», sagt er.

Der Pharmazeut hat am Dienstag eine einstweilige Anordnung beim Stuttgarter Verwaltungsgericht beantragt. Sein Hauptargument: Er selbst besorge den Verkauf von Artemisia gar nicht, sondern die inzwischen im Landkreis Böblingen sitzende Firma «teemana». Da aber das Aufziehen der Pflanze nicht verboten sei, hätte die Polizei seine Bestände nicht versiegeln dürfen.

Von Marcus Mockler (epd)