«Demenz ist vor allem eine Angehörigenkrankheit»
Demenzberaterin Maria Elfriede Lenzen
Als Beraterin für Demenz hat Maria Elfriede Lenzen viel zu tun. Die Anzahl der Demenkranken nimmt in Deutschland zu.
Eine alte Dame berät Angehörige im Umgang mit demenziell Erkrankten
Konstanz (epd)

Maria Elfriede Lenzen ist eine liebenswürdige alte Dame. Sie wohnt in Engen im westlichen Kreis Konstanz, im Wohnzimmer stehen weiche Sessel zum Versinken und manches liebevoll bemalte Teeservice. Doch hat sie kaum Zeit für Teestunden und Plaudern. Sie engagiert sich seit Jahren auf einem Gebiet, um das die meisten Menschen einen großen Bogen machen, weil sie diese Krankheit nicht zu nahe kommen lassen: Lenzen ist Expertin für Demenz. Sie berät betroffene Familien im Umgang mit der Krankheit.

 Ihr Terminkalender ist gefüllt mit Vorträgen und Gesprächen. Immer wieder gestaltet die gläubige Frau Gottesdienste mit. Dann tritt sie ans Pult von evangelischen und katholischen Kirchen. Das ist ihre Deutung der Nächstenliebe. Auch vor dem Welt-Alzheimertag am 21. September wird sie sprechen.

Der 82-Jährigen, die seit einigen Jahren verwitwet ist, geht es um Aufklärung. Demenz sei ein Phänomen der Verdrängung, sagt sie. Man spricht nicht gerne darüber, womöglich aus Scham - oder aus Furcht, selbst vergesslich zu werden. Aufklärung tut Not, sagt Lenzen.

Hartnäckig halte sich das Vorurteil, Demenz habe etwas mit Dummheit zu tun oder sei selbstverschuldet. Das sei nicht der Fall, sagt sie. Solange man die Ursachen für die allmähliche Selbstzerstörung des Gehirns nicht kennt, könne man über Demenz nicht endgültig sprechen.

Aber etwas anderes kann man tun: den Angehörigen helfen. Sie tragen die Last, wenn Mutter oder Großvater dement werden. Demenz, sagt Lenzen, ist vor allem eine Angehörigenkrankheit. Genau hier greift ihre kostenlose Tätigkeit ein: Sie klärt die Verwandten auf, schult sie im Umgang mit dem Betroffenen, dessen Wesen sich im Lauf der Jahre noch stärker verändern wird. Und sie spricht aus, was Tatsache ist: Demenz und seine einzelnen Erscheinungsformen wie Alzheimer sind nicht heilbar. Die Krankheit ist aktuell nicht umkehrbar. «Da muss ich schon einmal eine Ehefrau oder einen Sohn in den Arm nehmen, wenn wir darüber sprechen», sagt Lenzen.

Die Ärzte im Kreis Konstanz und den benachbarten Kreisen sahen die Konsultationen der engagierten Laiin anfangs mit Skepsis. Inzwischen hat sie sich einen Namen gemacht, ihre Arbeit wird akzeptiert und als Ergänzung dessen angesehen, was ein Facharzt nicht leisten kann: Maria Elfriede schenkt Zeit, die es in einer neurologischen Praxis nicht gibt. Ihre Verdienste sind längst anerkannt und wurden vor einigen Jahren mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt.

Sie kommt aus der Welt der Zahlen und Umsätze, arbeitete bis zum Eintritt ins Rentenalter als Großhandelskauffrau. Dann beobachtete sie, wie ihre Mutter merkwürdige Gewohnheiten entwickelte: Sie lief immer wieder weg vom Haus - ein Symptom für Demenz. Über das sogenannte Weglauf-Syndrom wurde Lenzen zwangsläufig mit der Demenz vertraut. Sie befasste sich damit, statt diese unbequeme Thematik zu verdrängen. Auch nach dem Tod ihrer Mutter blieb sie am Ball - sie bemerkte, wie viele Familien mit der Krankheit konfrontiert sind. Sie selbst ist stoisch: In einem Seniorenheim hat sie längst einen Platz reservieren lassen. Doch denkt sie lange nicht daran, dort einzuziehen, da es noch viel zu tun gibt für andere.

Um auf die Lage der Menschen mit Demenz aufmerksam zu machen, wurde 1994 der Welt-Alzheimertag begründet. Er findet regelmäßig am 21. September statt. Ziel ist es, die Öffentlichkeit für die Situation der bundesweit rund 1,6 Millionen Menschen mit Demenz und deren vielfältige Krankheitsbilder wie zum Beispiel Alzheimer zu sensibilisieren. Demenz kann jeden treffen, unabhängig von seiner geistigen Aktivität oder seiner bisherigen körperlichen Fitness.

Erschreckend: Der Anteil der Demenzkranken nimmt in der Bundesrepublik zu. Demenz bedeutet, dass Nervenzellen im Gehirn nach und nach absterben. Damit sinkt die geistige Leistungsfähigkeit. Die Ursache dafür ist bisher nicht endgültig geklärt.

Von Uli Fricker (epd)