Kunstausstellung als Zwischenmieterin im Schloss Bellevue
Berlin (epd).

„Freirau“ steht auf dem Dach des Schlosses Bellevue. Drei Männer, mit Seilen gesichert, rollen den Buchstaben „M“ auf dem schon ausgelegten bunten Untergrund aus. „Freiraum Kunst“ soll bald auf dem Dach stehen, der Titel der Ausstellung, die sich, statt des Bundespräsidenten, im Inneren befindet.

Die Akademie der Künste darf ab Samstag für zwei Wochen den Amtssitz des deutschen Staatsoberhaupts als Ausstellungsfläche nutzen. Für die anstehende achtjährige Sanierung wurde das Schloss Bellevue geräumt. Jetzt ist eine Präsentation darin entstanden, die von Samstag an bis zum 28. Juni betrachtet werden kann. Die gezeigte Kunst sei nicht direkt politisch oder eine simple Fortsetzung der Politik, erklärt der Kurator Anh-Linh Ngo. Sie selbst bringe die Menschen zum Denken.

Porträt einer jungen Frau

Eigentlich hänge im Eingang eine Art „Ahnengalerie“, erklärt Ngo beim Betreten des Schlosses. Nun sind die Wände bis auf zwei Kunstwerke leer, nur der Kronleuchter an der Decke lässt noch die einstige Einrichtung des Raumes erahnen, der ab Sommer saniert werden soll.

Bisher hätten hier nur Männer gehangen, sagt Ngo mit Blick auf die leeren Wände des Raumes. Dann deutet er auf das übergroße Gemälde des Künstlers El Bocho, ein paar Meter weiter. Es zeigt eine junge Frau. Sie soll darstellen, was es bisher in Deutschland nicht gab: eine Bundespräsidentin. In die Szenerie dringen „Hallo“-Rufe einer Performance von Jochen Gerz. In „Rufen bis zur Erschöpfung“ wiederholte er 1972 immer wieder das Wort „Hallo“, bis seine Stimme versagte.

Blitzartige Zusage zur Ausstellung

Das unaufhörliche Rufen nach der Aufmerksamkeit der Besucherinnen und Besucher zu Beginn der Ausstellung mündet am Ende des Rundgangs im „Büro der öffentlichen Sache“. In unterschiedlichen Formaten wird zum Gespräch eingeladen, ob mit Künstlerinnen und Künstlern oder in Diskussionen. Abends werde das Schloss von innen beleuchtet. Mehrere Scheinwerfer in den Fenstern sollen das „SOS“-Signal als Morsecode, also dreimal kurz, dreimal lang, dreimal kurz, senden.

Dass es diese Ausstellung geben könnte, wusste die Akademie der Künste erst seit März dieses Jahres. Es sei nicht nur eine einmalige Chance, sondern auch eine blitzartige Zusage gewesen. „Wir hatten ein paar Tage, um zu entscheiden“, sagt der Präsident der Akademie der Künste, Manos Tsangaris. Dementsprechend kurz sei die Vorbereitungszeit gewesen: Acht Wochen habe die Produktion gedauert, eine Woche der Aufbau, erzählt Ngo.

Steinmeier Teil der Ausstellung

„Es hat noch nie so gehallt“, unterbricht Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sich selbst und lacht. Der Große Saal ist nahezu leer. Kein Teppich, keine Vorhänge, keine gewohnten Bilder an den Wänden. Das Abnehmen der eigentlichen Kunstwerke in diesem Saal sei für Steinmeier ein emotionaler Einschnitt gewesen. Aber: „Wir als Gesellschaft, wir brauchen Kunst“, sagt der Schirmherr der Ausstellung und freut sich auf die Werke.

Steinmeier selbst ist Teil der Präsentation: Die Künstlerin Karin Sander druckte einen Körperscan Steinmeiers mit einem 3D-Drucker aus, im Maßstab 1:5, in Grautönen. Die Figur steht auf einer Säule in der Mitte des Langhanssaals. Als einziger Raum bleibt dieser noch als Reserve für Reden des Bundespräsidenten bis zum Baubeginn eingerichtet, während das Bundespräsidialamt für die Dauer der Sanierung in Büroräume in Berlin-Moabit einzieht.

Viele Kunstwerke waren Leihgaben

„Leere Räume werfen essenzielle Fragen auf“, sagt Ngo und spielt auf die mögliche neue Einrichtung nach einer Sanierung an. Viele der Kunstwerke, die bisher im Schloss Bellevue hingen, seien Leihgaben aus Museen gewesen. Diese seien nun zurückgegeben worden, erklärt Steinmeier. Mögliche Veränderungen im Stil der Einrichtung oder der Auswahl von Kunst nach der Sanierung würden ihn aber nicht mehr betreffen: Das sei Aufgabe von Nachfolgern.

Von Linn Manegold (epd)